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Meine Zweite!

die „Panorama 6×17 ‚K2‘ – Fujinon“ – Teil 1

Mittlerweile existiert bereits die zweite funktionsfähige Kamera aus heimischer Produktion – während der Bauphase von mir liebevoll „The Thing“ genannt. Wenn es jedoch nach dem Nomenklaturdiktat meines wertgeschätzten Kollegen und Freundes Professor F. Gustrau ginge, müsste ich sie eigentlich „K-2“ taufen. Nun, so sei es also…

 

K-2

on location – „first light“ für die K-2

 

Irgendwie muss ich wohl Blut geleckt haben, was das Selberbauen von „photographischen Apparaturen“ angeht. A) macht mir das Austüfteln von technischen Lösungen Spaß, B) ist das Erfolgserlebnis, wenn etwas wie geplant funktioniert, außerordentlich befriedigend und C) pegeln sich meine Ausgaben für sonstiges Kameraequipment gerade auf einen äußerst vernünftigen Level ein. Man ist ja anderweitig sinnvoll beschäftigt.
Dass auf meine Pinhole-Panoramakamera Josef K. irgendwann auch mal eine Version mit Objektiv folgen würde, war mir schon recht schnell nach deren Fertigstellung klar. Alle Unsicherheiten waren mittlerweile verflogen, ob ein derartiges Projekt für mich mit den Mitteln des Holzbaus überhaupt in der gebotenen Präzision umzusetzen sein würde. Mit einer Lochkamera zu beginnen war daher eine gute Übung, bei der ich viele wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Außerdem verzeiht das Lochkameraprinzip auch mal die eine oder andere kleine Unsauberkeit – außer vielleicht in puncto Lichtdichtigkeit. So blieb mir einiges an Frust und Irrwegen erspart und durch den Erfolg fühlte ich mich nun also bereit für die nächste Stufe der Erkenntnis. Diesmal sollte es auf jeden Fall ein Linsengericht geben und – um es vorweg zu nehmen – es hat noch nicht alles so funktioniert, wie ich es mir erhofft hatte! Bei einer Kamera mit optischem System gelangen wir doch schon in ganz andere bastlerische Sphären als mit einer Lochkamera. Salopp gesagt hobeln wir hier schon ein ganz anderes Brett und verabschieden uns an dieser Stelle auch offiziell von dem Begriff des ‚Bastelns‘. Die Fehlertoleranz geht Richtung Null und ein wenig Fehleranalyse und etwas Nacharbeit werden mir wohl bei meinem Erstlingswerk nicht erspart bleiben. Doch davon später noch ausführlicher.

 

K-2

„the thing“

 

Die Idee, es mal mit einem Großformatobjektiv auszuprobieren, hat sich letztlich als Königsweg erwiesen: Blenden- und Verschlusszeitensteuerung inklusive B und T, Drahtauslöseranschluss und nicht zuletzt der enorme Bildkreis bei gleichzeitig noch moderatem Auflagemaß machten das Fujinon NSW 90mm f/8 EBC zur idealen Ergänzung. Alle erforderlichen Daten zu alten Großformatobjektiven lassen sich problemlos im Netz beschaffen – alles in allem also perfekte Startbedingungen! Einzig mit der Umsetzung der Fokussiermechanik hatte ich dann zwischenzeitlich die ein oder andere Nuss zu knacken. Die Fokussierung wird nämlich nicht, wie zum Beispiel bei Kleinbild, durch Drehen am Objektiv gesteuert, sondern die gesamte Optik muss zum Scharfstellen vor und zurück geschoben werden. Ganz ursprünglich war, um die Konstruktion so einfach wie möglich zu halten, deswegen mal eine Fixfokusversion geplant, bei der ich das Objektiv fest in einer plausibel klingenden Hyperfokaldistanz fixiert hätte. Irgendwie scharf von 2m bis Unendlich bei Blende X und ich wäre schon happy gewesen. Ein befreundeter Großbildfotograf (lieben Gruß am Ralf) hat mich dann aber doch recht schnell davon überzeugen können, dass so eine Lösung nix Halbes und schon gar nix Ganzes ist und so musste ich mir mitten in der heißesten Bauphase noch eine praktikable Lösung überlegen, die Optik kontrolliert und ruckelfrei vor- und zurückbewegen zu können (bei gleichzeitiger Einhaltung der Planlage zur Filmebene selbstverständlich).

 

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Detailansicht des Fokushebels

 

Ein improvisierter Kasten mit Butterbrotpapier als Mattscheibenersatz brachte die Erkenntnis, dass der Verstellweg von Unendlich bis in den Nahbereich bei meinem Objektiv bei lediglich 2 cm liegen würde. Das war bedeutend harmloser als ich in meiner Unwissenheit angenommen hatte und eine technische Lösung schien somit möglich.
Einen Balgen selbst zu fertigen, kam für mich erstmal nicht in Frage, weil ich das ganze Unterfangen nicht zu einem Mondlandungsprojekt ausarten lassen wollte.
Fertigkonfektionierte Balgenauszüge waren wegen des exotischen Panoramaformats adhoc nicht in den erforderlichen Abmessungen zu bekommen und eine Tilt-Funktion (also die Möglichkeit des Verschwenkens) war eh nie geplant. Die Option, vertikal shiften zu können, sollte für eine Landschaftskamera erstmal völlig genügen. Außerdem machte die Fokussierung ja schon zwingend die Fertigung einer Einstellmattscheibe erforderlich – man will ja schließlich auch live sehen, auf wen und was man da gerade überhaupt scharfstellt. Noch ein Problem mehr, das es zu lösen galt aber auch das Mattieren von Glas erwies sich am Ende als banaler als erwartet: einen Glasschneider, etwas Siliziumkarbidpulver Körnung 400 vom Steinmetz und einen Billigbilderhalter für 3.98 € aus dem Baumarkt – et voilá – mehr braucht es nicht und die „Mühe“ wird mit einer preiswerten aber dennoch vorzüglichen Mattscheibe belohnt. Hier leistet sich das Fujinon dann auch seine einzige nennenswerte Schwäche: die recht geringe Anfangsöffnung von Blende 8 sorgt für ein ziemlich düsteres Sucherbild. Da wird in der Praxis wohl ohne das klassische schwarze Einstelltuch überm Kopf wenig bis gar nichts gehen – also ein weiterer Schritt mehr zurück in die Anfangstage der Lichtbildnerei 😉
An diese Ära erinnert natürlich auch grundsätzlich das Arbeiten mit dieser speziellen Apparatur. Dass wir es hier mit dem exakten Gegenteil einer robusten Actionkamera zu tun haben und dass es bei plötzlich einsetzendem Regen vermutlich zu panikartigen Übersprungshandlungen des Maschinisten kommen wird, versteht sich wohl von selbst. Es war aber auch nie erklärtes Ziel des Projekts, etwas wie „High-End“ zu erreichen. Ich wollte vielmehr ein Instrument erschaffen, das meiner persönlichen Arbeitsweise entgegen kommt. Das Erarbeiten des Motivs (Stichwort: Prävisualisierung), das Ritual des Aufbauens, Einstellens und der Feinjustierung (an Knöpfchen drehen, an Hebelchen schieben) und letztendlich die Reduktion auf das Essentielle in der Fotografie waren mir Hauptmotive für den Bau der „K-2“ Und somit gibt es an ihr letztenendes auch keinen überflüssigen Schnickschnack. Verzichtbar gewesen wären allenfalls noch die Wasserwaage, die Shiftfunktion und im äußersten Fall die Mattscheibe. Alles andere lässt sich auf die grundlegenden Notwendigkeiten der Bilderzeugung zurückführen.

 

K-2

Mattscheibe (links) und K-2 mit angesetztem Rollfilmmagazin

 

Vorausschauenderweise hatte ich die „K-2“ von Anfang an als Modulbauweise mit der Möglichkeit, Wechselmagazine zu betreiben, konzipiert. So lassen sich die Dinge notfalls ändern, sollte sich mal etwas in der Praxis nicht bewähren oder wenn es darum geht, im Falle eines Falles ein defektes Bauteil tauschen zu müssen. Ein Totalversagen war somit ausgeschlossen. Das Filmmagazin gegen einen Rahmen mit Mattscheibe auszutauschen war also konstruktiv auch kein Problem. Somit ist das Ergebnis am Ende doch eine ganz runde Sache geworden. Eine Naheinstellgrenze von einem guten halben Meter soll fürs Erste mal genügen und ich kann für die Fototour bequem zuhause zwei Magazine für insgesamt 8 Aufnahmen vorbereiten, ohne dann mittendrin auf freiem Felde die Filmrolle wechseln zu müssen. Da ich das Arbeiten mit dieser Kamera – wie oben schon angedeutet – als eher „methodisch/ bedacht“ bezeichnen würde, sollte das für einen ausgedehnten Arbeitstag absolut ausreichend sein. Ein Mix aus SW- und Farbfilm ist natürlich auch denkbar – Magazine mit lichtdichten Schiebern sei Dank!

Die ersten Ergebnisse auf Ilford FP4+ zeigen sich schon mal recht vielversprechend, wenngleich es scheinbar noch irgendwo ein Lichtleck der exotischen Art zu geben scheint. Das bei Ebay gebraucht geschossene Fujinon NSW 90mm f/8 mit seiner EBC-Vergütung scheint zumindest ein guter Fang zu sein. Mit seinem Gebrauchtpreis von etwas mehr als 200 € würde ich es angesichts seiner optischen Leistung durchaus noch als Schnäppchen bezeichnen. Ein Glücksgriff für den unbedarften Neuling also.

 

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Kategorie: Bildfehler, die die Welt nicht braucht…

 

Wegen des Lichtlecks sind die Bilder 2 bis 4 der ersten Filmrolle leider nicht wirklich vorzeigbar. Ich tippe auf eine Haarfuge am Schieber, durch die sich Licht einschummelt und das Zebramuster entsteht wahrscheinlich beim Weiterkurbeln mit der Transportschraube: drehen – umgreifen, drehen – umgreifen, usw. Dafür keimt bei Bild 1 Hoffnung für die Zukunft auf. Komischerweise kam dieses fehlerfrei aus dem Entwickler und das Lichtleck macht sich hier überhaupt nicht bemerkbar!? Rätselhaft. Der Sache muss ich jedenfalls nochmal genauer auf den Grund gehen.

 

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„far away from perfect“ aber Hoffnungsträger für die Zukunft – das absolut allererste (und bis dato einzige) Bild der „K-2“

 

Die einzige gelungene Aufnahme der ersten Rolle reißt einen zwar auch noch nicht komplett vom Stuhl, aber eine 1:1-Reproduktion mit einem Makroobjektiv offenbart zumindest ansatzweise das zu vermutende Potenzial der Optik und des großen Negativs. Hierbei lässt sich schon mal erahnen, warum Wim Wenders nicht davor zurückschreckt, seine Mittelformat-Panoramen in einer Größe von 1,7 mal 4 Metern zu präsentieren.

 

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Hier fehlt es eindeutig noch an Grundschärfe. Eine Ursache liegt wahrscheinlich darin, dass ich Testaufnahme 1 bei Offenblende (f/8) durchgeführt habe und dass das Auflagemaß der Optik noch nicht hundertprozentig stimmt. Da muss ich wohl noch einmal den Messschieber ansetzen und prüfen, ob Mattscheiben- und Filmebene synchronisiert sind. Ein Problem der komplexeren Art ist dagegen die tonnenförmige Verzeichnung, die man rechts an der Gasometer-Hülle erkennen kann. Ich fürchte, hier liegt der Fehler weniger bei einer schlechten Optik sondern vielmehr an mangelnder Planlage des Filmstreifens. Wie ich das Problem lösen werde, ist mir momentan noch nicht ganz klar, aber wenn ich eine Disziplin beherrsche, dann die, dass ich mich an einem „Problem“ so richtig festbeißen kann. 😉

Wie dem auch sei, durch die Eigenleistung des Bauens und dem konsequenten Einsatz von Holzresten und preiswerten Aluminiumprofilen aus dem Baumarkt konnte ich die Materialkosten (inklusive Optik!) deutlich unter 350 € halten. Soviel würde ein 3D-Druckdienstleister im Übrigen schon alleine für ein Wechselmagazin aus ABS-Kunststoff verlangen, ein fertiges Filmmagazin aus China schlüge mit ca. 600 € zu Buche und mit einem vergleichbaren Komplett-Set von Linhof lägen wir dann schon vermutlich deutlich in einer 5stelligen Preiskategorie. Da such‘ ich doch gerne mal einen Abend lang nach dem Lichtleck. Außerdem war durch „low budget“ am Ende noch ausreichend Luft für ein paar Rollen Film und ein adäquates, sicheres Heim für die neue Schöne:

 

K-2

ready to go…

Konstruktive Merkmale

– Speziell auf die Landschaftsfotografie im Querformat abgestimmte Panoramakamera
– Modulbauweise ermöglicht den Austausch der Einstellmattscheibe gegen vorgeladene Filmmagazine
– Effektives Bildformat 6×17 cm auf Rollfilm 120, 4 Aufnahmen pro Filmrolle
– Gehäuse: Aluminiumchassis mit Anbauteilen aus geräuchertem, geöltem Eichenholz und schwarz durchgefärbter MDF
– Objektiv: Großformatobjektiv Fujinon NSW 90mm f/8 EBC mit Copal #0-Verschluss
– Brennweitenäquivalent (hor.): 21,5mm KB
– Fokus: Schubkastenprinzip, Verstellweg zwischen den Totpunkten ca. 20 mm
– Shift: vertikal +/- 12,5 mm
– Nivellierlibelle
– Manfrotto-Schnellwechselplatte für Getriebeneiger
– Drahtauslöser, feststellbar
– Verschlusszeitenbereich: 1 – 1/500 s, B und T
– Blendenbereich: f/8 – 45
– Naheinstellgrenze: ca. 50 cm
– Abmessungen (H/B/T): 178/297/138 mm
– Gewicht: 2.150 g (Gehäuse inkl. Objektiv und Filmmagazin
– Gewicht komplett: 11.950 g (tourfertig inkl. Stativ, Getriebeneiger, 2 Magazinen und Hardcase)
– Bauzeit: bis dato ca. 80 Stunden (exkl. Planungszeit und Fehlerbehebung)

 

Teil 2 folgt in Kürze…

 

 

 

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