Schlagwort-Archive: T70

Die Canon T70 – Der Weg zu meiner ersten eigenen Spiegelreflex 

Da die ersten fotografischen Gehversuche mit der alten Voigtländer meiner Eltern wenig vielversprechend waren, ich aber aus unbestimmten Gründen Blut an der Sache geleckt hatte war klar, neues, zeitgemäßes Werkzeug musste her. Dringend!

Zur Erinnerung: ich war zarte 15 und wir befinden uns mitten in den 80ern – einer Dekade also, in der die analoge Kameratechnik die Schwelle zum elektronischen Zeitalter gerade eben überschritten hatte und man Fotokram noch im Neckermannkatalog bestellen konnte. So führten mich meine ersten Recherchen nach neuem Equipment zu Ommas beeindruckenden Stapeln an Versandhauskatalogen. Otto, Quelle, Neckermann hatten wir oben schon erwähnt, aber da gab´s doch noch einen? Baur – genau! Aber der hatte dem angehenden Jungfotoenthusiasten nicht wirklich Interessantes zu bieten,  außer irgendwelcher komischen Gesichtsmassagestäbe für Frauen, konnte mich da nichts wirklich fesseln. Wer brauchte eigentlich so’n Mist? Aber die Damen auf den Bildern sahen irgendwie glücklich aus. Diese Sache, sich ein vibrierendes Stäbchen an die Wange zu halten schien also zu funktionieren. Rätselhaft… egal, ich komm´ vom Kurs ab! Die Kataloge von Omma waren jedenfalls einsame Spitze und ich würde echt `ne Menge dafür geben, nochmal so ein trashiges 80er-Exemplar durchschmökern zu dürfen.

Für den Anfang konnte der Informationsbedarf also schon mal adäquat bedient werden und auch die preislichen Größenordnungen wurden in ein realistisch hartes Licht gesetzt: „Was, so teuer ist das alles??“, „Sindn das für Preise?“ Erste ernstzunehmende Hürden taten sich auf. Relativ erschwinglich waren noch die Geräte von Porst (!), die fand ich aber, ehrlich gesagt, recht uncool. Sexapeal war halt bereits in dieser Lebensphase  schon ein entscheidendes Kaufkriterium. Faszinierender war da schon das, was Canon so im Angebot hatte: die AE1-Programm zum Beispiel. An ihr gefiel mir besonders der kleine neongrüne Schriftzug – voll modern irgendwie. War die schwarze Version damals nicht teurer als die Silberne?  Warum eigentlich?  Tja, und dann natürlich der Platzhirsch, die A1. Mit der wäre man Chef gewesen. Die konnte irgendwie alles, von dem ich damals keine Ahnung hatte. Blende und Zeit wurden in roten digitalen Lettern ins Display eingeblendet. Das war definitiv the-wave-to-the-future (wir hatten zu dieser Zeit noch ein Drehscheibentelefon…)

Noch ein weiteres Kameramodell schob sich in den Fokus, die Canon T 50, aber irgendwas an ihr war merkwürdig. Die konnte offensichtlich gar nichts, jedoch wirkte ihr äußeres Erscheinen wie der Vorbote einer neuen, verheißungsvollen Ära. Der Film musste bei ihr nicht mehr von Hand weitergespult werden, alles wurde automatisch geregelt und das Colani-Design wirkte für damalige Verhältnisse sehr progressiv und ihrer Zeit voraus. Da war also etwas im Busch, was man unbedingt im Auge behalten musste!

Fast 1 1/2 Jahre hab ich dann auch nichts anderes gemacht, als die Sache irgendwie im Auge zu behalten. Was blieb einem ohne Kohle auch sonst übrig? Die Nase an den Schaufenstern der großen Fotohändler plattdrücken und die dort erbeuteten Prospekte wälzen, um sich ein wenig mit den großen Namen vertraut zu machen: Canon, Nikon, Olympus und damals auch noch Minolta, Pentax oder Ricoh. Die Prospekte konnte ich irgendwann auswendig. Mehr ging also damals nicht? Doch natürlich: jede einzelne D-Mark sparen, die durch Taschengeld, Geburtstags- und Weihnachtspräsente eingenommen wurde! Fast 1 1/2 Jahre habe ich jede einzelne Mark zurückgelegt für den Tag X. So einen langen Atem hätte ich wohl heute nicht mehr. Dann noch ein allerletzter (erfolgreicher) Anpumpversuch bei die Omma und ohne Wissen meiner Eltern ging es dann mit der S-Bahn nach Dortmund, dorthin also, wo die großen Läden waren. Hagen hatte dahingehend nicht viel zu bieten, bzw. alles war im Schnitt 50 bis 100 DM teurer als in der großen, fotoaffinen Nachbarstadt.

750 sauer ersparte D-Mark schlummerten da in einem Standardumschlag in meiner Jackentasche und ich war der festen Überzeugung, dass mir der „Reichtum“ von der Stirne abzulesen sei. Doch alles ging gut und der Entschluss stand fest: es wird die Canon A1!

Am Ende eines langen und aufregenden Shoppingtages kehrte ich dann um knapp 700 Mark erleichtert aber stolz wie Bolle zurück mit einer – na? Richtig! Einer funkelnagelneuen Canon T70 mit dem 50mm 1:1,8! Die Reaktion meiner Eltern schwankte zwischen fassungslos bis stinksauer wegen der vielen Kohle, ich dagegen spürte schon damals, dass ich mir da mit der Fotografie einen Virus eingefangen hatte, der mich lange nicht mehr loslassen würde. So gesehen war es für mich eine gute Investition in die Zukunft (Anm. d. Autors: am Ende habe ich Recht behalten)

 

img_4724

Die neue Alte! Zurück bei Papi…

 

Der Verkaufsexperte bei Doppheide und Kollow hatte mich ziemlich schnell davon überzeugen können, dass die A1 ja schon Schnee von gestern sei und ich doch lieber in etwas Zukunftssicheres investieren sollte. Was dann 3, 4 Jahre später aus dem guten, alten FD-Bajonett geworden ist, ist hinlänglich bekannt. Zukunftssicherheit hin oder her, beim ersten in die Handnehmen war´s schon um mich geschehen. Das Design der T70 hat schon immer polarisiert und viele fanden sie geradezu abgrundtief hässlich. Sie hat ihren ganz eigenen starken Charakter und ich fand sie immer traumschön. Es war definitiv Liebe auf den ersten Blick und sie wich mir viele Jahre nicht mehr von der Seite. Im ollen BW-Rucksack hat sie mit mir Europa bereist und wegen ihres gräßlich lauten Auslösegeräusches sind wir unter Zeter und Mordio aus dem Dom von Siena geflogen. Dabei hat sie mich wirklich nie im Stich gelassen und irgendwann war sie – weg! Der digitalen Euphorie zum Opfer gefallen. Es gibt so manche Entscheidungen, die…ach, egal jetzt!

Als ich kürzlich bei Ebay auf ein Angebot über eine unbenutzte, originalverpackte T70 mit dem gleichen 50er Objektiv stieß, konnte ich nicht widerstehen, ich musste einfach zuschlagen. Möglich, dass da eine gehörige Portion an schlechtem Gewissen mit im Spiel war… (Anm. d. Autors: meine bessere Hälfte tippt schwer auf Midlifecrisis)

Jetzt ist sie wieder bei mir und dieses Mal bleiben wir zusammen! Das Wiedersehen hatte was ganz eigenartiges…

… und ein Farbfilm ist auch schon eingelegt.

 

Werbeanzeigen