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Voll Future…

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Da latsche ich neulich nach Aplerbeck (Ortsteil von Dortmund, Anm. d. Autors), die Kamera um den Hals und das Gewicht auf mein Einbeinstativ gestützt wegen des nächtlichen Blitzeises. Schweres Geläuf. Der Gehweg glatt wie die Sau, aber um mich herum eine neblig/ entmenschtliche Stimmung, die zarte Gemüter in Depressionen stürzen, mich als Fotografen dagegen restlos begeistern kann. Ich liebe das ja! Sonntagmorgens, kein Mensch außer mir auf der Straße. Nur ich im Pinguinschritt und im Kopf Gedanken wie „Oberschenkelhals-“ oder „Handwurzelbruch“, die ein wenig den inneren Fotografiermodus irritieren.

 

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Und wie ich da also recht unbeholfen die Hauptstraße `runtereiere, fällt mein Blick auf eine Litfaßsäule (sic!). Werbeplakate für Ü30- und Ü40-Partys interessieren mich in der Regel nicht die Bohne, deswegen fällt mein Blick eigentlich nie auf eine Litfaßsäule. Litfaßsäule – das ist so ein anachronistisches Relikt, das ich eher in das Berlin der 20er oder meinetwegen auch in das Recklinghausen der 50er einsortieren würde und wir schreiben ja immerhin das Jahr 2017. Fehlt mir nur noch eine passende Polizeirufsäule. Wie dem auch sei, was meine Aufmerksamkeit erregt, ist ein Plakat mit einem Totenschädel, der mir sofort merkwürdig bekannt vorkommt und tatsächlich – es ist der bekannte Schädel vom Plattencover des Albums „Oxygene“ von Jean Michel Jarre. Warum wird für ein gefühlt 40 Jahre altes Album mit elektronischer Musik plötzlich wieder so massiv Werbung gemacht? Mein Interesse war geweckt und bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass man Werbung für den aktuellen dritten Teil der Oxygene-Trilogie betreibt.

 

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Und in diesem Moment der Erkenntnis gingen dann plötzlich meine Gedanken auf eine sentimentale Reise in die Vergangenheit.

Die Stücke aus dem ersten Album liefen früher in meiner Kindheit ab und an im Autoradio und diese Begebenheiten gehören mit zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen: mein Vater und ich in unserem alten VW K70 auf dem Weg ins Sauerland zum Schlittenfahren. Manchmal lief da was von Pink Floyd, manchmal was von Kraftwerk oder eben auch das zweite oder vierte Stück aus dem ersten Oxygene-Album. Für mich als Zwerg war das so eine Art akustischer Science Fiction, fremdartig und verheißungsvoll. Irgendwie hat mich diese visionäre und dabei ungemein naive Zukunftseuphorie der 70er Jahre immer begeistert und irgendwie war diese Zeit auch voll davon. Die erste Frau, in die ich unschuldig verliebt war, war Prinzessin Leia aus dem Starwars-Epos. Halbe Sachen habe ich noch nie gemacht. Den Kinofilm gucken durfte ich zwar damals noch nicht, aber gleich neben den allgegenwärtigen RAF-Fahndungsplakaten hingen damals die mannshohen Kinoplakate mit den Starwars-Helden. Vor Chewbacca hatte ich immer ne Mordspanik, weil ich dachte, das wäre ein böses Monster, vor dem ich Prinzessin Leia beschützen musste und die starren Augen von C3PO haben mich damals auch bis in meine Albträume verfolgt. Dass das mit Starwars alles gar nicht so wild ist und dass es sich dabei um ein völlig harmloses Weltraummärchen handelt, habe ich erst viel später begriffen. Egal, alles wirkte irgendwie visionär, zukunftsbegeistert und in einer unaufhaltsamen Entwicklung begriffen. Die NASA schoss fleißig irgendwelche Voyager-Sonden ins All, die Mr. Spock und Käptn Kirk dann wiederfinden durften. Bei LEGO gab´s die passende Raumstation. Kubricks „2001“ habe ich wörtlich genommen und Flash Gordon für bare Münze. Bowie sang sein trauriges Lied über Major Tom, und wenn´s nach meinem alten Was-Ist-Was-Buch geht, müssten wir alle mittlerweile seit 17 Jahren in rotierenden Raumstationen oder unter Glaskuppeln auf dem Mars leben. Die mussten es wissen, das war schließlich Bildungslektüre, sobald man das Yps-Heft entwicklungstechnisch hinter sich gelassen hatte. Verbrennungsmotoren, fossile Brennstoffe, religiöser Fanatismus, Rassismus, Armut, Blitzeis? Alles Schnee von gestern und Jean Michel Jarre liefert den passenden Soundtrack für eine wahrgewordene Zukunftsvision, in der wir alle nur noch in weißen Overalls umherschweben…

 

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Prinzessin Leia ist vor ein paar Tagen gestorben, Major Tom hat seinen Ersten Todestag und Mr. Spock ist schon vor zwei Jahren von uns gegangen. Und so steh ich da also im Jahre 2017, auf mein Einbeinstativ gestützt, eine 35 Jahre alte analoge Spiegelreflex um den Hals, starre gedankenverloren auf diese blöde Litfaßsäule mit dieser völlig deplatziert wirkenden Plakatwerbung und sinniere darüber, wann und wodurch ich um meine kindliche Naivität gebracht worden bin…

 

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Alle Bilder auf Kodak TMAX 400 @ ISO 1600, Kleinbild 35 mm

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Fundstücke #1

Fundstücke

Es gibt diese Bilder, die eigentlich keiner weiteren Worte bedürfen, weil sich dem Betrachter ihre Aussage unmittelbar erschließt…

gesehen in Dortmund

…dann sind da diejenigen, die prinzipiell den gleichen Gegenstand zeigen aber durch einen erklärenden Satz eines kleinen Anstupsers bedürfen:

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gesehen auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der NSDAP in Nürnberg

Und mit einem Mal wird die ganze Sache irgendwie schräg!

Chartres – Ein sonntäglicher Streifzug durch eine französische Vorstadt…

Chartres – Ein sonntäglicher Streifzug durch eine französische Vorstadt…

 

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Eigentlich zieht es einen ja nach Chartres der weltberühmten Kathedrale wegen, doch fiel mein Hauptinteresse recht schnell auf die umliegenden Vororte abseits der ausgetretenen Touristenpfade.
Ein verregneter Sonntagmorgen bot die passende Stimmungskulisse, um sich einen Eindruck von der Lebensweise in den Wohngebieten jenseits der Postkartenillusionen zu verschaffen und so begab ich mich noch vor der zweiten Tasse Kaffee auf einen kleinen Streifzug durch die Vorstadt. Würde ich Parallelen zu unserer eigenen Wohn- und Lebenskultur entdecken oder ließen sich eher Unterschiede festmachen?

Immerhin sagt man uns Deutschen ja einen fast neurotischen Drang zur Bewahrung der eigenen Privatsphäre nach. Hatte nicht selbst Google sich an unseren unüberwindbaren, übermannshohen Grundstücksumfriedungen die Zähne ausgebissen?

 

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Für mich überraschend und beklemmend war am Ende die Intensität des Gefühls, ausgesperrt zu sein. Natur, sofern vorhanden, schien zum Alibi degradiert, Grundstücksgrenzen wirkten auf mich wie Burgmauern – Hab, Gut und Lebensstil verbergend und Briefkastenschlitze wurden zu Schießscharten, durch die der Passant argwöhnisch beäugt wird.

 

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Obwohl, nimmt man hier überhaupt Notiz von dem was draußen vor sich geht oder verlässt man sich nicht zur Gänze auf den Schutz seiner privaten kleinen Trutzburg?
Von einem frankophilen Pendant zu unserer heimeligen Gartenzwergidylle keine Spur, dafür Tristesse, Misstrauen, Verbretterung, Vergitterung, ab und an gar vollständige Fensterlosigkeit. Schlechter Geschmack präsentiert sich hier gar nicht erst, eher lässt sich überhaupt keiner mehr identifizieren! Keinerlei Bedarf an irgendeiner Außenwirkung: „seht her, Grün ist unsere Lieblingsfarbe“, „meine Frau liebt Rosen“, „wir bevorzugen Benzinrasenmäher“, „unser neuer Opel!“.
Kein Motiv, sein Innerstes nach außen zu kehren, lieber Einigeln, die Außenwelt um jeden Preis aus seiner eigenen ausgrenzen. Sicher ist sicher!

 

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Nur hier und dort verweisen einige vergessene Spielgeräte, in der entmenschlichten Atmosphäre recht surreal anmutend, auf grundlegende Aspekte von Menschlichkeit. Braucht Kindsein nicht etwas gänzlich anderes, wie Freiheit, Entdeckungsreisen, Inspiration? Meine Kindheit zumindest spielte sich vor der Haustüre ab. Auf klapperigen Drahteseln und nicht auf CE-konformen Plastik-Spielgeräten haben wir den uns umgebenden Kosmos erforscht und unsere Vorstellung von ihm wuchs so stetig wie unser Aktionsradius.
Wie sehr man dafür dankbar sein muss…

 

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Die Aufnahme der Satellitenschüssel ist eines dieser Bilder, die mich rat- und fassungslos zurücklassen. Ein Fenster, in seiner Funktion eigentlich die bauliche Einrichtung, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und Licht einzulassen, zu sehen, was dort draußen in der Welt so vor sich geht, wird dauerhaft verbarrikadiert, gleichsam geopfert – nur, um fachgerecht eine Satellitenschüssel installieren zu können. Tele-Visionen um jeden Preis, rauschfrei bitte, wenn möglich natürlich in Full-HD. In die eigenen 39 düsteren Quadratmeter werden nun auf 39 Zoll die Traumwelten, Erdbeben und Kriege der Welt auf 390 Fernsehsendern frei Haus geliefert, doch die Welt vor der eigenen Türe bleibt ausgesperrt…

Nous sommes l´Europe!

Man möchte die Kamera beiseite legen und Klingelstreiche spielen…