Schlagwort-Archive: Siteseeing

Urlaubsstress…

Alle Jahre wieder der gleiche Stress – Urlaub!
Der Termin steht, das Zeitfenster wurde erfolgreich im Kollegenkreis ausgefochten und mit der Partnerin synchronisiert. Man plant die Tour generalstabsmäßig, um soviel Erlebnis wie möglich in diese drei kostbaren Wochen zu stopfen; für das Equipment werden Checklisten erarbeitet, Punkte ergänzt und wieder gestrichen. Der fahrbare Untersatz muss sich selbstverständlich in technischem Topzustand befinden. Bloß keine Panne unterwegs, die Gefahr unvorhergesehener Ereignisse muss schließlich aufs Minimum reduziert werden. Das führt uns übergangslos zur nächsten Checkliste. Habe ich an alles, aber wirklich alles gedacht? Als wenn das Vergessen eines Ladekabels das Gesamtprojekt zum Scheitern bringen könnte, gerät die Urlaubsplanung peu à peu zum Mondlandungsprojekt.
Parallel dazu steigt das berufliche Aufgabenpensum proportional an, je näher der Abreisetermin rückt. Schließlich will man ja soviel wie möglich im Vorfeld noch erledigen und abschließen und seine Mitstreiter nicht auf ungelösten Problemen sitzen lassen. Man wird zur Maschine, zum emotionalen Grenzgänger. Die Luft wird dünner, man fühlt sich wie die zentrale Anlaufstelle zur Lösung aller nur denkbaren Arbeitgeber-, Kollegen- und Kundenprobleme.
Und irgendwann ist man dann komplett <durch>, im wahren Wortsinn. Akut urlaubsreif. Aber jetzt wird der Schalter auf Erholung umgelegt!
Wirklich? Nee!
Funktioniert nämlich nicht!
Kann gar nicht funktionieren.
Die allgemeine Urlaubsrealität sieht doch eher so aus: man reiht sich auf vollgestopften Autobahnen oder Flughäfen in den Zug der paranoiden Lemminge ein. Die Anreise an sich wird zum „Augen-zu-und-durch“-Gefühl und ins Hirn schleicht sich die Gewissheit, dass es auf der Heimreise vermutlich wieder ähnlich ablaufen wird. Endlich am Ziel (?) angekommen (?) stellt man dann ernüchtert fest, dass sich die Schönheit, des Ortes scheinbar global herumgesprochen haben muss. Warteschlangen allerorten, gefühlt so lang wie die chinesische Mauer und vermutlich ebenfalls wie diese mittlerweile aus dem All erkennbar. Ist man psychisch einigermaßen stabil und kann das noch ausblenden, folgt die nächste Ernüchterung: das weltberühmte Königsportal eingerüstet unter Plastikplane. Naja, muss ja auch hin und wieder mal repariert werden, bevor ’s irgendwann ganz dahin ist. Aber ausgerechnet dann, wenn ich mich fotografisch damit auseinandersetzen möchte?? Scheiße…
Umdisponieren, dann halt der nächste Programmpunkt. Was, zwei Kugeln im Hörnchen 12€ ??? Zack, Touristenfalle, Gipfel der Schmach! Die Contenance gerät in bedrohliche Schieflage. Bloß die Fassung bewahren, auch wenn man am liebsten die Hörnchen umgedreht auf die Theke klatschen würde. Wie konnte dem alten Italienhaudegen bloß so ein lapidarer Anfängerfehler unterlaufen? Unbemerkt vor lauter Hektik und trotz vermeintlich perfekter Vorbereitung brechen sich auch beim Reisen alte Routinen Bahn: man ist gedanklich noch zuhause, lebt nach wie vor nach der Uhr, erstellt minutiöse Tagespläne und für den Zeitpunkt des perfekten Sonnenuntergangs am Urlaubsort gibt’s ne App. Schlecht nur, wenn dann ausgerechnet das Wetter einem nen Strich durch die Rechnung macht. So kann es passieren, dass Enttäuschung auf Enttäuschung folgt. Das, was eigentlich das Reisen ausmacht – Abenteuer, Müßiggang, Überraschungen, sich in einer fremden Umgebung wiederfinden, sich an ungewohnte Umstände anzupassen – das alles wird plötzlich jetzt zum Negativerlebnis. Die Erwartungshaltung im Vorfeld war viel zu groß; die in der Vorfreude entstandenen Illusionen erreichen unsanft den Boden der Realität. Man fühlt sich als Opfer von Nepp und Schlepp. Dazu schleichen sich unreflektiert die gewohnten Muster des Alltags ein: Perfektionismus, Egozentrik, Optimierungswahn bis ins kleinste Detail. In seiner Summe kann das alles nur in die Katastrophe führen und die Ursache des ganzen ist – Angst!
Angst vor dem Sich-Treiben-Lassen, Angst davor, die Fäden aus der Hand zu geben, Reagieren zu müssen statt die totale Kontrolle zu haben, Angst, etwas verpassen zu können.
Habe ich eine Lösung für das Problem gefunden? Jein! Aber ich arbeite dran, weil ich für mich nicht akzeptieren will, dass man jedes Jahr aufs Neue so sicher wie das Weihnachtsfest in die gleiche Fallen tappt. Erste strategische Maßnahmen könnten sein:

  • man sollte, wenn irgend möglich, azyklisch reisen, die klassischen An-und Abreisetermine in den Ferien umgehen – eigentlich problemlos
  • wenn es irgendwie machbar ist, die Hauptsaison meiden wie der Teufel das Weihwasser. Eigentlich banal, hat sich aber scheinbar noch nicht rumgesprochen. Ist natürlich zugegebenermaßen für Familien mit Kindern nicht realisierbar
  • um touristische Hotspots einen großen Bogen machen. Anstelle von Lissabon kann es auch mal Porto sein und man wird positiv überrascht sein! Will man sich trotzdem Venedig anschauen, bitte zurück zu Punkt eins: Azyklisch reisen! Mein erster Besuch Venedigs war in einem Januar und hat in mir eine ewig währende Liebe zu dieser Stadt entfacht, an der kein Besuch im Juli oder August später etwas ändern konnte. Außerdem kenne ich mittlerweile die Stadt so gut, dass ich weiß, wo man sich zu welcher Zeit am Tage ungestört herumtreiben kann und welche Stellen man besser außen vor lässt.
  • ein weiterer Ansatz (und jetzt kommt der wirklich schwierige Part) ist, weitestgehend „leer„, also möglichst unvoreingenommen und ohne Traumbilder im Kopf, die Reise anzutreten. Das hat nämlich noch nie funktioniert. Sah immer ganz anders aus als erwartet, selten schöner!

Letzteres führt also erfahrungsgemäß zu gar nichts. Positiv überrascht war ich dagegen immer dann, wenn ich zufällig und völlig unerwartet einen schönen Ort entdeckt habe, und damit meine ich jetzt nicht die perfekte Postkartenidylle oder die Ideallandschaft, sondern vielmehr einen Ort, der optimal zu meiner jeweiligen inneren Gemütslage passte, in der es zu einem harmonischen Wechselspiel zwischen Äußerem und Inneren kam. Der eine schafft das auf Malle, faul am Strand liegend, der andere dagegen muss sich bei einem Alpencross auspowern, was beides vollkommen in Ordnung ist.
Bei mir klappt das eher bei einem einsamen Spaziergang durch einen tristen französischen Vorort. Jeder halt nach seiner Façon!
Die Bildserie „Chartres„, die ich schon in einem meiner früheren Blog-Artikel vorgestellt habe, ist der Grund für diesen kleinen philosophischen Exkurs über das Thema Reisen und Urlaubmachen. Ein Betrachter der Serie kommentierte kürzlich wie folgt: „ich dachte, ihr wärt im Urlaub gewesen?!
Bääm, das saß irgendwie und war mir Anlass für ein paar weiterführenden Gedanken zum Thema. Ich hatte an diesem Tag einen nahezu perfekten Flow. Das Wetter war unterdurchschnittlich, alles im Zelt wurde langsam klamm wegen des tagelangen Nieselregens. Trotzdem raffte ich mich eines Sonntagsmorgens zu einem kleinen Spaziergang in die Umgebung auf und fand mich plötzlich an einem Ort wieder, an dem alles zueinander passte: das Wetter, die Stimmung, die entmenschlichte Umgebung. Der Akt des Fotografierens wurde zum intuitiv ablaufenden Automatismus. Keine Ablenkung durch Fragen nach Brennweite, Blende usw. Kein Leistungsdruck, keine abschweifenden Gedanken, kein Mordsgepäck. Nur ich, der Ort und die Stille des Moments. Perfekt! Dass ich dabei weniger gegenständlich orientiert Motive gesucht habe als viel mehr das Finden eines inneren Gemütszustandes dokumentiert habe, war mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst. Reine Meditation, Finden ohne Suche, Antworten ohne Frage, Systemneustart, Löschen temporärer Dateien – Erholung!

Chartres

Wohnklotz in Chartres – oder: von der Abwesenheit alles Schönen

Scheinbar wird das Fotografieren auf Reisen im Allgemeinen zwangsläufig mit blauem Himmel und dem Sammeln der ewig gleichen Postkartenmotive assoziiert. Die fatale Gleichung dabei: je mehr Trophäen man vorweisen kann, um so mehr hat man erlebt, desto erfolgreicher war die Reise. Extrem-Siteseeing als Grundlage für gute Fotos, mit denen man sich ein Stück Urlaub mit nach Hause bringt!

Wirklich?
Welchen Urlaub?

Werbeanzeigen