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Meine erste Selbstgebaute…

Meine erste Selbstgebaute…

…oder: warum tue ich mir das an, wo es doch soviel tolles Kameragedöne zu kaufen gibt?

 

Entwurf A

Erster Grobentwurf

Meine Rückbesinnung auf die analoge Langsamkeit treibt gerade recht seltsame Blüten. War die Fotografie für mich bis Dato in erster Linie Entspannung und willkommener Contrapunkt zum Berufsalltag, versuche ich seit einiger Zeit beides – Passion und Profession – miteinander zu verbinden und quasi in eine Art harmonische Balance zu bringen. Heißt mit anderen Worten: ich baue mir gerade meine Kameras selbst!

Die persönlichen Gründe dafür sind vielfältig: rapide nachlassende Technikeuphorie, die oftmals vorhandene Sterilität und Seelenlosigkeit digitaler Bilder aber auch die inflationäre Zunahme virtueller Realitäten und Sensationslandschaften – rechnergenerierte Hochdynamik, technisch machbar aber unrealistisch hoch 10: „Woah! Nächstes. Woah! Nächstes…!“ Endlosschleife. Ein einziges Sich-gegenseitig-übertreffen-wollen. Das nervt auf Dauer und man verlernt vor lauter Scrollen das Verweilen, ein Bild zu genießen, oder sich ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen.

 

Entwurf A

Die rückwärtige Ansicht im geschlossenen Zustand

Entwurf A

Die rückwärtige Ansicht mit geöffnetem Filmfach

 

Ein Hauptgrund aber liegt wahrscheinlich darin, dass ich einfach irgendwann einmal aus dieser unsäglichen Kauf- und Nachkaufspirale ausbrechen musste. Machen wir uns doch mal nix vor: der Gegenwert für unser sauer verdientes Geld ist doch in aller Regel ein kurzlebiger, von asiatischen Industrierobotern zusammengelöteter und ausgestanzter Plastikschrott. Überteuert, marketinggehyped und schon am Tag der Markteinführung veraltet, weil die Pläne für das Nachfolgemodell (das, mit den noch viel tolleren Features natürlich) bereits im Firmentresor liegen. Feines Werkzeug, das einem mit den Jahren in die Hand wächst? Präzise, robuste Mechanik (!), edle Haptik? Lange und ruhig dahinfließende Produktzyklen? Gibt’s mit Sicherheit noch irgendwo, aber dann in Preiskategorien, bei denen ich über „Haben-wollen“ gar nicht weiter nachzudenken brauche. Sinnlichkeit, Amore, lang anhaltende Begeisterung? Wofür denn? Duroplaste? Thermoplaste? Schaltkreise? Blingbling-Displays?

Früher waren Kameras, Objektive, etc. mal Instrumente, die man mit einiger Gewissheit und entsprechender Pflege mindestens noch seiner Nachfolgegeneration vermachen konnte und das nicht zwangsläufig nur im obersten Preissegment. Nachhaltigkeit und Wertigkeit, davon rede ich. Ob meine Tochter nach meinem Ableben mit meiner EOS 6D noch munter weiterfotografieren wird, wage ich nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Mikroelektronik im Allgemeinen mal leise anzuzweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass die Kunststoffe bis dahin schon lange mürbe geworden sind oder irgendwann mittendrin von jetzt auf gleich das Motherboard abraucht. Ob ihr das im Jahre des Herrn 2045 wohl noch jemand reparieren wird, schließlich ist es doch eine Erinnerung an den Herrn Papa? Wohl kaum…

 

Detail Filmtransport

Detail der Filmtransportschraube

Verschluss

Der Verschlussschieber Marke „Guillotine“ in Aktion

Verschluss

Innenansicht des Verschlusses

 

Abgesehen davon, wie kam es denn nun also zum DIY-Projekt? Nun, eigentlich gab es zwei initiale Auslöser: zum Ersten war da der höchst unterhaltsame Artikel des Fotografen Ralf Sänger in der SCHWARZ-WEISS-Ausgabe Nr 101 , in dem er über seine Faszination des Lochkamerabauens und der Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Fotografie berichtet. Abkehr vom Perfektionswahn und meditative Entspannung – zwei Kernthesen des Artikels, die mich hellhörig werden ließen. Ein sehr überraschender Paradigmenwechsel eines ausgewiesenermaßen technisch höchst versierten und anspruchsvollen Analogexperten, wie ich fand. Mittlerweile kennen wir uns persönlich, habe mehr über seine Beweggründe erfahren dürfen und wir stehen seither im regen, freundschaftlichen Austausch.

Auslöser zwo war wohl der sehenswerte Filmbericht „Koudelka shooting Holy Land“ in dem Magnum-Ikone Josef Koudelka bei seiner fotografischen Arbeit an der israelisch/ palästinensischen Grenzmauer begleitet wird. Koudelka nutzte für sein Projekt „Wall“ gleich mehrere Panoramakameras vom Typ Fuji GX617. Dessen extremes Panoramaformat und die Kraft seiner Bildwirkung gefielen mir auf Anhieb so gut, dass ich mich umgehend auf die Suche nach diesem Kameramodell machte. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: wenn überhaupt zu bekommen, liegen die Preise für gut erhaltene Exemplare eindeutig weit über meinem Budget. Die Suche nach Alternativen gipfelte dann irgendwann bei der Linhof Technorama 617, die allem Anschein nach sogar heute noch produziert wird. Hier würde dann wohl auch die oben beschworene Nachhaltigkeit und der Wunsch nach feinem Werkzeug aufs Vortrefflichste bedient. Heureka! Einziges Problem: ich bin weder Zahnarzt noch Rechtsanwalt. Für den Hobbyisten ist eine Investition von >10K € in einen derart speziellen Kameratypen einfach nicht zu rechtfertigen. Abbruch der Recherche!

Das Fazit: Koudelka zeigte mir, dass auch nach der Rente mit 70 ein erfülltes Fotografendasein möglich ist, aber um irgendwie zum Ziel zu kommen, führte am Selberbauen offenbar kein Weg vorbei und wie sich am Ende herausgestellt hat, ist es auch – zumindest im Bereich der filmbasierten Fotografie – kein Hexenwerk! Man sollte sich nur bewusst machen, wie wenig Technik es braucht, um ein fotografisches Bild zu erzeugen.

Das bildliche Ergebnis lässt sich dann mit Fug und Recht auf die handwerklichen Fähigkeiten des Fotografen (und des Kamerabauers) zurückführen.

 

Meine Erste  (Werksbezeichnung: „Panorama 6×17 – Edition Josef K.“):

Datei 18.06.17, 19 12 13

Und hier „on location“:

IMG_5157

 

Das Prinzip der Lochbildkamera hatte mich schon länger interessiert, jedoch ist bei den in Bastlerkreisen sonst so beliebten Streichholzschachtel- oder Reisekoffervarianten nie so recht der Funke auf mich übergesprungen. Ich hatte vielmehr den Anspruch, ein funktionierendes Werkzeug zu konstruieren, das auch meinen fotografischen Ansprüchen genügt und das habe ich eigentlich immer automatisch mit anspruchsvoller Feinmechanik und hoher Ingenieurskunst verbunden. Dass mein Beruf durchaus genauso die Grundvoraussetzungen bietet, ein derartiges Projekt erfolgreich umzusetzen, habe ich erst realisiert, als ich davon las, dass es Tischler waren, die in der Pionierphase der Fotografie für die Herstellung der erforderlichen Apparaturen verantwortlich zeichneten. Das hatte Charme und seitdem nimmt die Sache Fahrt auf…

 

Technische Daten der „Panorama 6×17 – Edition Josef K.“:

Prinzip: Lochkamera mit planliegender Filmebene für 120er Rollfilm

Bildformat: 6x17cm

4 mögliche Aufnahmen pro Einwegsensor

Bildwinkel: ca. 104° (Horizontal – entspricht dem Blickwinkel eines 14mm Objektivs an KB)

Bildweite: 66,5mm

Lochgröße: 0,3 mm (Skink Pinhole Classic Starter Kit f. Nikon F – modifiziert für übergroße Bildwinkel)

Fixfokus

errechnete Blende: f/218

Filtergewinde: 67mm

Korpus: Nussbaum/ schwarz durchgefärbtes MDF

Sucher: sucht man vergeblich (Peilmarken auf Gehäusedeckel müssen reichen, schließlich entsteht das Bild ja im Kopf)

Filmtransport: manuell

Filmstandsanzeiger: Schauglas

virtueller Horizont: Wasserwaage, analog

Verschluss: horizontal laufende Holzlamelle (Typ: Guillotine)

Stativanschluss: Manfrotto Schnellwechselplatte für Getriebeneiger MA 410

Hitech Formatt Filtersystem 100 adaptierbar

Gewicht (aufnahmebereit): 450 g

Bauzeit: ca. 50 Stunden (inkl. aller Irrungen und Wirrungen)

 

Dass man mit ihr auch ernsthaft fotografieren kann und die Bildergebnisse trotz Absenz aller erdenklichen Assistenzsysteme sogar verblüffend gut werden, beweisen die nachfolgenden Fotos der ersten Testrollen Tri-X, die ich entspannt bei einer Kanne Kaffee in Caffenol entwickelt habe:

 

_MG_0005

 

 

Borkum 8

 

 

Borkum 6

 

 

Borkum 11

 

 

Borkum 5

 

 

Nachsatz

Die Fotografie ist eine Passion, der man auf unterschiedlichste Art und Weise nachgehen kann. Jeder, wie er mag – sag ich bei mir. Auch kann beides, die Digitalfotografie und die filmbasierte, klassische Fotografie problemlos nebeneinander existieren. Beide haben ihre ureigenen Charakteristika, es gibt kein kategorisches Entweder-oder. Man kombiniere einfach das Beste aus beiden Welten. Eigentlich trage ich damit ja Eulen nach Athen, aber die Häufigkeit, in der ich mit einem gewissen skeptischen Unterton darauf angesprochen worden bin, ob ich ab jetzt „nur“ noch analog fotografiere, veranlasst mich, das noch einmal zu betonen. Ich habe der Digitalen Fotografie nicht abgeschworen – bin ja nicht komplett aus der Zeit gefallen. Aber wenn es um den meditativen Aspekt, den Emotionstransfer oder nur darum geht, mir die grundlegenden fotografischen Prinzipien bewusst zu machen, ist die analoge Basisarbeit und das Erlernen der traditionellen Techniken für mich das Mittel der Wahl.“

Darauf erstmal ein‘ Korn!

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