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Meine Zweite – Teil 2

die „Panorama 6×17 ‚K2‘ – Fujinon“ – Teil 2

Ich muss ehrlich gestehen, nachdem meine selbstverantwortete „K-2“ bei Testfilm Nummer eins mit einer desaströsen Generalprobe glänzte, war ich doch ein wenig verunsichert, ob ich mir in meinem Eifer nicht vielleicht ein wenig zu viel vorgenommen hatte. Eine Lochkamera zu basteln ist eine Geschichte, eine Kamera um ein gegebenes Objektiv und ein Wunschformat herum zu konstruieren schon eine ganz andere – besonders, wenn man, wie ich, etwas gehobenere Qualitätsansprüche an die Bildergebnisse stellt.

Zur Erinnerung: die ersten 4 Bilder verblüfften den Konstrukteur durch das Vorhandensein multipler Bildfehler. Trotz aller handwerklichen Sorgfalt hatte sich eine, in der Laufnut des Schiebers befindliche, Haarfuge in die Konstruktion eingeschlichen, für fatales Fremdlicht gesorgt und ein interessantes, jedoch höchst unerwünschtes Zebramuster auf dem Filmstreifen produziert. Bild 1 – eigenartigerweise nicht fremdlichtbetroffen – war generell etwas weich und unscharf, was auf einen Fehlfokus deuten ließ und die eigenartige Verzeichnung in der rechten oberen Bildecke konnte ich mir nur durch mangelnde Planlage des Filmstreifens erklären. Schließlich steht der Florian (der Dortmunder Fernsehturm, Anm. d. Autors) an der linken Bildkante ja schön senkrecht, wie man das bei einem waschechten Westfalen auch erwarten darf.

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Bild 1/ Film 1 – Grundlage einiger Stunden an Nacharbeit…

Das wirkte erstmal alles sehr komplex und entmutigend und fast hätte ich auch ein wenig die Lust am Gesamtprojekt verloren, weil direkt gleich mal mehrere Schwierigkeiten, die es zu lösen galt auf mich eintrudelten. Wenn’s kommt, dann kommt’s halt knüppeldicke, aber wenn man im Handwerk eines lernt, dann das, dass Aufgeben generell keine Option ist und dass es im Endeffekt für jedes Problem auch eine irgendwie geartete Lösung gibt. Klingt pathosbeladen, ist aber so. Ein „ich glaube, das ist mir hier ne Nummer zu groß“ akzeptieren weder Architekt, noch Kunde, noch Brötchengeber. Das lernt man schon als junger Geselle, wächst mit seinen Aufgaben – sollte man zumindest, wenn man sein Gewerk wirklich ernst nimmt – und am Ende muss immer ein Ergebnis stehen – notfalls auch die B-Lösung. Also: beißen und – herrgottnochmal – logisch denken!

Meine bevorzugte Strategie in solchen hoffnungslos scheinenden Situationen ist, dass ich das Ganze dann nicht als Problem, sondern als Herausforderung sehe. Und was macht der Meister, wenn er vor einem schier unlösbaren Pro  vor einer großen Herausforderung steht und gleichzeitig aber auf der großen Bühne sein Gesicht wahren muss? Genau! Er fegt erstmal die Bude! Fegen ist ein Automatismus, bei dem man sich herrlich Zeit zum Nachdenken verschaffen kann. Man wirkt ungemein geschäftig, brütet aber insgeheim mit Hochdruck über etwas ganz anderem. Die Außenwirkung strahlt Dynamik aus, aber eines gewiss nicht: Verzweiflung – wichtig für die Moral der Truppe und natürlich für die eigene (ich plaudere hier gerade schamlos aus dem Nähkasten, Leute!).

Problem  Herausforderung Nr. 1, das Thema Fehlfokus, konnten durch rhythmisches Werkstattfegen und etwas Logik zügig bewältigt werden. Dass das Abbild auf der Mattscheibe gestochen scharf war, auf der späteren Aufnahme hingegen butterweich, konnte nur bedeuten, dass Mattscheibe und Filmebene nicht synchron lagen. Eine sofort eingeleitete Prüfung ergab, dass ich im Fertigstellungseifer die Mattscheibe schlicht verkehrt herum eingebaut hatte. Die mattierte Fläche gehörte eindeutig nach innen – Momente der Erkenntnis, in denen man sich selbst am liebsten kraftvoll auf die Schulter klopfen möchte…

Trotzdem verblüffend, was 1,5 mm für einen Unterschied ausmachen. Das Großformat zeigt sich hier unbarmherzig – Pfusch am Bau wird sofort gnadenlos aufgedeckt.

Bild 1/ Film 2

Bild 1/ Film 2


Bild 2/ Film 2

Bild 2/ Film 2


Bild 3/ Film 2

Bild 3/ Film 2


Bild 4/ Film 2

Bild 4/ Film 2

Bildschärfe, Planlage, Lichtdichtigkeit – so langsam kommen wir ins Geschäft! Die vier Aufnahmen der zweiten Testrolle wurden jeweils mit Blende 8 und 22 gemacht, ohne dabei die Entfernungseinstellung zu verändern. Beim ersten Bildpaar hatte ich den Fokus auf den Geländerpfosten im Vordergrund gelegt (Distanz ca. 2 m), beim zweiten Pärchen auf den Schriftzug auf dem Asphalt (Distanz ca. 3 m). Läuft!

 

Bei den nun noch verbliebenen Problemen, Lichtleck und Planlage, war durch Werkstattfegen alleine nichts zu reißen. Ich gebe zu, dass ich darüber erstmal ’ne Nacht schlafen musste. Zwischen Schieber und Filmebene war schlicht zu wenig Bauraum für einen Niederhalter. An eine komplette Neukonstruktion der Magazine war nicht zu denken, weil eine Verlagerung der Filmebene nach hinten, um Platz zu schaffen, zwangsläufig auch ein Versetzen der Optik mit sich gezogen hätte. Außerdem war für meinen Geschmack schon viel zu viel Arbeit in die beiden Teile geflossen, als dass ich sie komplett hätte aufgeben wollen. Teufelskreis! Schieber weiter nach vorn? Ging auch nicht, da war schon das Kameragehäuse. Hier war genauso wenig Platz und mir dämmerte die Erkenntnis, wieder einmal viel zu eng gebaut zu haben. Gedankengänge, die sich festfahren. Zum Verzweifeln das Ganze!

Wann und woher am nächsten Morgen der rettende Gedanke kam, möchte ich hier vor Publikum nicht weiter ausführen, aber manchmal muss man einfach mal quer denken. Ein Blick auf das mehrlagige (!) Toilettenpapier an der Wand stimmte mich nachdenklich. Nur mal so ins Unreine gedacht: was wäre, wenn der Schieber gleichzeitig auch der Niederhalter für den Film wäre? Dann könnte der Niederhalter ja gleichzeitig vielleicht die Funktion der Maske für das Wunschformat übernehmen?! So entwickelte sich peu á peu die vage Idee des zweilagigen Multifunktionsschiebers und die Gesamtkonstruktion schien gerettet.

Halleluja!

 

Filmmagazin

Innenansicht eines Filmmagazins – davor die beiden Hälften des Schiebers

Aus einem vormals 2mm dicken Schichtstoff sollten nun also zwei gegeneinander verschiebbare 1mm dicke Schichten werden. Doch welches Material wäre bei einer Materialstärke von maximal einem Millimeter stabil genug, um als Niederhalter den Film niederhalten zu können? Was anderes als Edelstahlblech kam mir dafür spontan nicht in den Sinn. Die Rettung kam in Form einer alten Dunstabzugshaube. Deren Blechstärke erwies sich als ideal und war auch mit Stichsäge und Feile in erträglichem Aufwand in Form zu bringen und so habe ich nun mit der Änderung eines Bauteils gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen können.

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann!“  – Francis Picabia – Schriftsteller, Maler

„Der Kopf ist nicht zum Kacken da!“  – Klaus Dieter A. – Tischlermeister, Innungsobermeister

„Sauna fertig, Meister!“ – Thomas Freitag – Kabarettist (aus: Polen am Bau)

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So, jetzt aber genug der Selbstbeweihräucherung und der langen Texte! Wie beschrieben stand ich in der Bauphase ein ums andere mal der Panik und das Projekt einem sudden death bedrohlich nah, deswegen sprechen ab jetzt hoffentlich nur noch die Bilder! Zurück zur Kernkompetenz also…

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Meine Zweite!

die „Panorama 6×17 ‚K2‘ – Fujinon“ – Teil 1

Mittlerweile existiert bereits die zweite funktionsfähige Kamera aus heimischer Produktion – während der Bauphase von mir liebevoll „The Thing“ genannt. Wenn es jedoch nach dem Nomenklaturdiktat meines wertgeschätzten Kollegen und Freundes Professor F. Gustrau ginge, müsste ich sie eigentlich „K-2“ taufen. Nun, so sei es also…

 

K-2

on location – „first light“ für die K-2

 

Irgendwie muss ich wohl Blut geleckt haben, was das Selberbauen von „photographischen Apparaturen“ angeht. A) macht mir das Austüfteln von technischen Lösungen Spaß, B) ist das Erfolgserlebnis, wenn etwas wie geplant funktioniert, außerordentlich befriedigend und C) pegeln sich meine Ausgaben für sonstiges Kameraequipment gerade auf einen äußerst vernünftigen Level ein. Man ist ja anderweitig sinnvoll beschäftigt.
Dass auf meine Pinhole-Panoramakamera Josef K. irgendwann auch mal eine Version mit Objektiv folgen würde, war mir schon recht schnell nach deren Fertigstellung klar. Alle Unsicherheiten waren mittlerweile verflogen, ob ein derartiges Projekt für mich mit den Mitteln des Holzbaus überhaupt in der gebotenen Präzision umzusetzen sein würde. Mit einer Lochkamera zu beginnen war daher eine gute Übung, bei der ich viele wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Außerdem verzeiht das Lochkameraprinzip auch mal die eine oder andere kleine Unsauberkeit – außer vielleicht in puncto Lichtdichtigkeit. So blieb mir einiges an Frust und Irrwegen erspart und durch den Erfolg fühlte ich mich nun also bereit für die nächste Stufe der Erkenntnis. Diesmal sollte es auf jeden Fall ein Linsengericht geben und – um es vorweg zu nehmen – es hat noch nicht alles so funktioniert, wie ich es mir erhofft hatte! Bei einer Kamera mit optischem System gelangen wir doch schon in ganz andere bastlerische Sphären als mit einer Lochkamera. Salopp gesagt hobeln wir hier schon ein ganz anderes Brett und verabschieden uns an dieser Stelle auch offiziell von dem Begriff des ‚Bastelns‘. Die Fehlertoleranz geht Richtung Null und ein wenig Fehleranalyse und etwas Nacharbeit werden mir wohl bei meinem Erstlingswerk nicht erspart bleiben. Doch davon später noch ausführlicher.

 

K-2

„the thing“

 

Die Idee, es mal mit einem Großformatobjektiv auszuprobieren, hat sich letztlich als Königsweg erwiesen: Blenden- und Verschlusszeitensteuerung inklusive B und T, Drahtauslöseranschluss und nicht zuletzt der enorme Bildkreis bei gleichzeitig noch moderatem Auflagemaß machten das Fujinon NSW 90mm f/8 EBC zur idealen Ergänzung. Alle erforderlichen Daten zu alten Großformatobjektiven lassen sich problemlos im Netz beschaffen – alles in allem also perfekte Startbedingungen! Einzig mit der Umsetzung der Fokussiermechanik hatte ich dann zwischenzeitlich die ein oder andere Nuss zu knacken. Die Fokussierung wird nämlich nicht, wie zum Beispiel bei Kleinbild, durch Drehen am Objektiv gesteuert, sondern die gesamte Optik muss zum Scharfstellen vor und zurück geschoben werden. Ganz ursprünglich war, um die Konstruktion so einfach wie möglich zu halten, deswegen mal eine Fixfokusversion geplant, bei der ich das Objektiv fest in einer plausibel klingenden Hyperfokaldistanz fixiert hätte. Irgendwie scharf von 2m bis Unendlich bei Blende X und ich wäre schon happy gewesen. Ein befreundeter Großbildfotograf (lieben Gruß am Ralf) hat mich dann aber doch recht schnell davon überzeugen können, dass so eine Lösung nix Halbes und schon gar nix Ganzes ist und so musste ich mir mitten in der heißesten Bauphase noch eine praktikable Lösung überlegen, die Optik kontrolliert und ruckelfrei vor- und zurückbewegen zu können (bei gleichzeitiger Einhaltung der Planlage zur Filmebene selbstverständlich).

 

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Detailansicht des Fokushebels

 

Ein improvisierter Kasten mit Butterbrotpapier als Mattscheibenersatz brachte die Erkenntnis, dass der Verstellweg von Unendlich bis in den Nahbereich bei meinem Objektiv bei lediglich 2 cm liegen würde. Das war bedeutend harmloser als ich in meiner Unwissenheit angenommen hatte und eine technische Lösung schien somit möglich.
Einen Balgen selbst zu fertigen, kam für mich erstmal nicht in Frage, weil ich das ganze Unterfangen nicht zu einem Mondlandungsprojekt ausarten lassen wollte.
Fertigkonfektionierte Balgenauszüge waren wegen des exotischen Panoramaformats adhoc nicht in den erforderlichen Abmessungen zu bekommen und eine Tilt-Funktion (also die Möglichkeit des Verschwenkens) war eh nie geplant. Die Option, vertikal shiften zu können, sollte für eine Landschaftskamera erstmal völlig genügen. Außerdem machte die Fokussierung ja schon zwingend die Fertigung einer Einstellmattscheibe erforderlich – man will ja schließlich auch live sehen, auf wen und was man da gerade überhaupt scharfstellt. Noch ein Problem mehr, das es zu lösen galt aber auch das Mattieren von Glas erwies sich am Ende als banaler als erwartet: einen Glasschneider, etwas Siliziumkarbidpulver Körnung 400 vom Steinmetz und einen Billigbilderhalter für 3.98 € aus dem Baumarkt – et voilá – mehr braucht es nicht und die „Mühe“ wird mit einer preiswerten aber dennoch vorzüglichen Mattscheibe belohnt. Hier leistet sich das Fujinon dann auch seine einzige nennenswerte Schwäche: die recht geringe Anfangsöffnung von Blende 8 sorgt für ein ziemlich düsteres Sucherbild. Da wird in der Praxis wohl ohne das klassische schwarze Einstelltuch überm Kopf wenig bis gar nichts gehen – also ein weiterer Schritt mehr zurück in die Anfangstage der Lichtbildnerei 😉
An diese Ära erinnert natürlich auch grundsätzlich das Arbeiten mit dieser speziellen Apparatur. Dass wir es hier mit dem exakten Gegenteil einer robusten Actionkamera zu tun haben und dass es bei plötzlich einsetzendem Regen vermutlich zu panikartigen Übersprungshandlungen des Maschinisten kommen wird, versteht sich wohl von selbst. Es war aber auch nie erklärtes Ziel des Projekts, etwas wie „High-End“ zu erreichen. Ich wollte vielmehr ein Instrument erschaffen, das meiner persönlichen Arbeitsweise entgegen kommt. Das Erarbeiten des Motivs (Stichwort: Prävisualisierung), das Ritual des Aufbauens, Einstellens und der Feinjustierung (an Knöpfchen drehen, an Hebelchen schieben) und letztendlich die Reduktion auf das Essentielle in der Fotografie waren mir Hauptmotive für den Bau der „K-2“ Und somit gibt es an ihr letztenendes auch keinen überflüssigen Schnickschnack. Verzichtbar gewesen wären allenfalls noch die Wasserwaage, die Shiftfunktion und im äußersten Fall die Mattscheibe. Alles andere lässt sich auf die grundlegenden Notwendigkeiten der Bilderzeugung zurückführen.

 

K-2

Mattscheibe (links) und K-2 mit angesetztem Rollfilmmagazin

 

Vorausschauenderweise hatte ich die „K-2“ von Anfang an als Modulbauweise mit der Möglichkeit, Wechselmagazine zu betreiben, konzipiert. So lassen sich die Dinge notfalls ändern, sollte sich mal etwas in der Praxis nicht bewähren oder wenn es darum geht, im Falle eines Falles ein defektes Bauteil tauschen zu müssen. Ein Totalversagen war somit ausgeschlossen. Das Filmmagazin gegen einen Rahmen mit Mattscheibe auszutauschen war also konstruktiv auch kein Problem. Somit ist das Ergebnis am Ende doch eine ganz runde Sache geworden. Eine Naheinstellgrenze von einem guten halben Meter soll fürs Erste mal genügen und ich kann für die Fototour bequem zuhause zwei Magazine für insgesamt 8 Aufnahmen vorbereiten, ohne dann mittendrin auf freiem Felde die Filmrolle wechseln zu müssen. Da ich das Arbeiten mit dieser Kamera – wie oben schon angedeutet – als eher „methodisch/ bedacht“ bezeichnen würde, sollte das für einen ausgedehnten Arbeitstag absolut ausreichend sein. Ein Mix aus SW- und Farbfilm ist natürlich auch denkbar – Magazine mit lichtdichten Schiebern sei Dank!

Die ersten Ergebnisse auf Ilford FP4+ zeigen sich schon mal recht vielversprechend, wenngleich es scheinbar noch irgendwo ein Lichtleck der exotischen Art zu geben scheint. Das bei Ebay gebraucht geschossene Fujinon NSW 90mm f/8 mit seiner EBC-Vergütung scheint zumindest ein guter Fang zu sein. Mit seinem Gebrauchtpreis von etwas mehr als 200 € würde ich es angesichts seiner optischen Leistung durchaus noch als Schnäppchen bezeichnen. Ein Glücksgriff für den unbedarften Neuling also.

 

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Kategorie: Bildfehler, die die Welt nicht braucht…

 

Wegen des Lichtlecks sind die Bilder 2 bis 4 der ersten Filmrolle leider nicht wirklich vorzeigbar. Ich tippe auf eine Haarfuge am Schieber, durch die sich Licht einschummelt und das Zebramuster entsteht wahrscheinlich beim Weiterkurbeln mit der Transportschraube: drehen – umgreifen, drehen – umgreifen, usw. Dafür keimt bei Bild 1 Hoffnung für die Zukunft auf. Komischerweise kam dieses fehlerfrei aus dem Entwickler und das Lichtleck macht sich hier überhaupt nicht bemerkbar!? Rätselhaft. Der Sache muss ich jedenfalls nochmal genauer auf den Grund gehen.

 

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„far away from perfect“ aber Hoffnungsträger für die Zukunft – das absolut allererste (und bis dato einzige) Bild der „K-2“

 

Die einzige gelungene Aufnahme der ersten Rolle reißt einen zwar auch noch nicht komplett vom Stuhl, aber eine 1:1-Reproduktion mit einem Makroobjektiv offenbart zumindest ansatzweise das zu vermutende Potenzial der Optik und des großen Negativs. Hierbei lässt sich schon mal erahnen, warum Wim Wenders nicht davor zurückschreckt, seine Mittelformat-Panoramen in einer Größe von 1,7 mal 4 Metern zu präsentieren.

 

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Hier fehlt es eindeutig noch an Grundschärfe. Eine Ursache liegt wahrscheinlich darin, dass ich Testaufnahme 1 bei Offenblende (f/8) durchgeführt habe und dass das Auflagemaß der Optik noch nicht hundertprozentig stimmt. Da muss ich wohl noch einmal den Messschieber ansetzen und prüfen, ob Mattscheiben- und Filmebene synchronisiert sind. Ein Problem der komplexeren Art ist dagegen die tonnenförmige Verzeichnung, die man rechts an der Gasometer-Hülle erkennen kann. Ich fürchte, hier liegt der Fehler weniger bei einer schlechten Optik sondern vielmehr an mangelnder Planlage des Filmstreifens. Wie ich das Problem lösen werde, ist mir momentan noch nicht ganz klar, aber wenn ich eine Disziplin beherrsche, dann die, dass ich mich an einem „Problem“ so richtig festbeißen kann. 😉

Wie dem auch sei, durch die Eigenleistung des Bauens und dem konsequenten Einsatz von Holzresten und preiswerten Aluminiumprofilen aus dem Baumarkt konnte ich die Materialkosten (inklusive Optik!) deutlich unter 350 € halten. Soviel würde ein 3D-Druckdienstleister im Übrigen schon alleine für ein Wechselmagazin aus ABS-Kunststoff verlangen, ein fertiges Filmmagazin aus China schlüge mit ca. 600 € zu Buche und mit einem vergleichbaren Komplett-Set von Linhof lägen wir dann schon vermutlich deutlich in einer 5stelligen Preiskategorie. Da such‘ ich doch gerne mal einen Abend lang nach dem Lichtleck. Außerdem war durch „low budget“ am Ende noch ausreichend Luft für ein paar Rollen Film und ein adäquates, sicheres Heim für die neue Schöne:

 

K-2

ready to go…

Konstruktive Merkmale

– Speziell auf die Landschaftsfotografie im Querformat abgestimmte Panoramakamera
– Modulbauweise ermöglicht den Austausch der Einstellmattscheibe gegen vorgeladene Filmmagazine
– Effektives Bildformat 6×17 cm auf Rollfilm 120, 4 Aufnahmen pro Filmrolle
– Gehäuse: Aluminiumchassis mit Anbauteilen aus geräuchertem, geöltem Eichenholz und schwarz durchgefärbter MDF
– Objektiv: Großformatobjektiv Fujinon NSW 90mm f/8 EBC mit Copal #0-Verschluss
– Brennweitenäquivalent (hor.): 21,5mm KB
– Fokus: Schubkastenprinzip, Verstellweg zwischen den Totpunkten ca. 20 mm
– Shift: vertikal +/- 12,5 mm
– Nivellierlibelle
– Manfrotto-Schnellwechselplatte für Getriebeneiger
– Drahtauslöser, feststellbar
– Verschlusszeitenbereich: 1 – 1/500 s, B und T
– Blendenbereich: f/8 – 45
– Naheinstellgrenze: ca. 50 cm
– Abmessungen (H/B/T): 178/297/138 mm
– Gewicht: 2.150 g (Gehäuse inkl. Objektiv und Filmmagazin
– Gewicht komplett: 11.950 g (tourfertig inkl. Stativ, Getriebeneiger, 2 Magazinen und Hardcase)
– Bauzeit: bis dato ca. 80 Stunden (exkl. Planungszeit und Fehlerbehebung)

 

Teil 2 folgt in Kürze…

 

 

 

Urlaubsstress…

Alle Jahre wieder der gleiche Stress – Urlaub!
Der Termin steht, das Zeitfenster wurde erfolgreich im Kollegenkreis ausgefochten und mit der Partnerin synchronisiert. Man plant die Tour generalstabsmäßig, um soviel Erlebnis wie möglich in diese drei kostbaren Wochen zu stopfen; für das Equipment werden Checklisten erarbeitet, Punkte ergänzt und wieder gestrichen. Der fahrbare Untersatz muss sich selbstverständlich in technischem Topzustand befinden. Bloß keine Panne unterwegs, die Gefahr unvorhergesehener Ereignisse muss schließlich aufs Minimum reduziert werden. Das führt uns übergangslos zur nächsten Checkliste. Habe ich an alles, aber wirklich alles gedacht? Als wenn das Vergessen eines Ladekabels das Gesamtprojekt zum Scheitern bringen könnte, gerät die Urlaubsplanung peu à peu zum Mondlandungsprojekt.
Parallel dazu steigt das berufliche Aufgabenpensum proportional an, je näher der Abreisetermin rückt. Schließlich will man ja soviel wie möglich im Vorfeld noch erledigen und abschließen und seine Mitstreiter nicht auf ungelösten Problemen sitzen lassen. Man wird zur Maschine, zum emotionalen Grenzgänger. Die Luft wird dünner, man fühlt sich wie die zentrale Anlaufstelle zur Lösung aller nur denkbaren Arbeitgeber-, Kollegen- und Kundenprobleme.
Und irgendwann ist man dann komplett <durch>, im wahren Wortsinn. Akut urlaubsreif. Aber jetzt wird der Schalter auf Erholung umgelegt!
Wirklich? Nee!
Funktioniert nämlich nicht!
Kann gar nicht funktionieren.
Die allgemeine Urlaubsrealität sieht doch eher so aus: man reiht sich auf vollgestopften Autobahnen oder Flughäfen in den Zug der paranoiden Lemminge ein. Die Anreise an sich wird zum „Augen-zu-und-durch“-Gefühl und ins Hirn schleicht sich die Gewissheit, dass es auf der Heimreise vermutlich wieder ähnlich ablaufen wird. Endlich am Ziel (?) angekommen (?) stellt man dann ernüchtert fest, dass sich die Schönheit, des Ortes scheinbar global herumgesprochen haben muss. Warteschlangen allerorten, gefühlt so lang wie die chinesische Mauer und vermutlich ebenfalls wie diese mittlerweile aus dem All erkennbar. Ist man psychisch einigermaßen stabil und kann das noch ausblenden, folgt die nächste Ernüchterung: das weltberühmte Königsportal eingerüstet unter Plastikplane. Naja, muss ja auch hin und wieder mal repariert werden, bevor ’s irgendwann ganz dahin ist. Aber ausgerechnet dann, wenn ich mich fotografisch damit auseinandersetzen möchte?? Scheiße…
Umdisponieren, dann halt der nächste Programmpunkt. Was, zwei Kugeln im Hörnchen 12€ ??? Zack, Touristenfalle, Gipfel der Schmach! Die Contenance gerät in bedrohliche Schieflage. Bloß die Fassung bewahren, auch wenn man am liebsten die Hörnchen umgedreht auf die Theke klatschen würde. Wie konnte dem alten Italienhaudegen bloß so ein lapidarer Anfängerfehler unterlaufen? Unbemerkt vor lauter Hektik und trotz vermeintlich perfekter Vorbereitung brechen sich auch beim Reisen alte Routinen Bahn: man ist gedanklich noch zuhause, lebt nach wie vor nach der Uhr, erstellt minutiöse Tagespläne und für den Zeitpunkt des perfekten Sonnenuntergangs am Urlaubsort gibt’s ne App. Schlecht nur, wenn dann ausgerechnet das Wetter einem nen Strich durch die Rechnung macht. So kann es passieren, dass Enttäuschung auf Enttäuschung folgt. Das, was eigentlich das Reisen ausmacht – Abenteuer, Müßiggang, Überraschungen, sich in einer fremden Umgebung wiederfinden, sich an ungewohnte Umstände anzupassen – das alles wird plötzlich jetzt zum Negativerlebnis. Die Erwartungshaltung im Vorfeld war viel zu groß; die in der Vorfreude entstandenen Illusionen erreichen unsanft den Boden der Realität. Man fühlt sich als Opfer von Nepp und Schlepp. Dazu schleichen sich unreflektiert die gewohnten Muster des Alltags ein: Perfektionismus, Egozentrik, Optimierungswahn bis ins kleinste Detail. In seiner Summe kann das alles nur in die Katastrophe führen und die Ursache des ganzen ist – Angst!
Angst vor dem Sich-Treiben-Lassen, Angst davor, die Fäden aus der Hand zu geben, Reagieren zu müssen statt die totale Kontrolle zu haben, Angst, etwas verpassen zu können.
Habe ich eine Lösung für das Problem gefunden? Jein! Aber ich arbeite dran, weil ich für mich nicht akzeptieren will, dass man jedes Jahr aufs Neue so sicher wie das Weihnachtsfest in die gleiche Fallen tappt. Erste strategische Maßnahmen könnten sein:

  • man sollte, wenn irgend möglich, azyklisch reisen, die klassischen An-und Abreisetermine in den Ferien umgehen – eigentlich problemlos
  • wenn es irgendwie machbar ist, die Hauptsaison meiden wie der Teufel das Weihwasser. Eigentlich banal, hat sich aber scheinbar noch nicht rumgesprochen. Ist natürlich zugegebenermaßen für Familien mit Kindern nicht realisierbar
  • um touristische Hotspots einen großen Bogen machen. Anstelle von Lissabon kann es auch mal Porto sein und man wird positiv überrascht sein! Will man sich trotzdem Venedig anschauen, bitte zurück zu Punkt eins: Azyklisch reisen! Mein erster Besuch Venedigs war in einem Januar und hat in mir eine ewig währende Liebe zu dieser Stadt entfacht, an der kein Besuch im Juli oder August später etwas ändern konnte. Außerdem kenne ich mittlerweile die Stadt so gut, dass ich weiß, wo man sich zu welcher Zeit am Tage ungestört herumtreiben kann und welche Stellen man besser außen vor lässt.
  • ein weiterer Ansatz (und jetzt kommt der wirklich schwierige Part) ist, weitestgehend „leer„, also möglichst unvoreingenommen und ohne Traumbilder im Kopf, die Reise anzutreten. Das hat nämlich noch nie funktioniert. Sah immer ganz anders aus als erwartet, selten schöner!

Letzteres führt also erfahrungsgemäß zu gar nichts. Positiv überrascht war ich dagegen immer dann, wenn ich zufällig und völlig unerwartet einen schönen Ort entdeckt habe, und damit meine ich jetzt nicht die perfekte Postkartenidylle oder die Ideallandschaft, sondern vielmehr einen Ort, der optimal zu meiner jeweiligen inneren Gemütslage passte, in der es zu einem harmonischen Wechselspiel zwischen Äußerem und Inneren kam. Der eine schafft das auf Malle, faul am Strand liegend, der andere dagegen muss sich bei einem Alpencross auspowern, was beides vollkommen in Ordnung ist.
Bei mir klappt das eher bei einem einsamen Spaziergang durch einen tristen französischen Vorort. Jeder halt nach seiner Façon!
Die Bildserie „Chartres„, die ich schon in einem meiner früheren Blog-Artikel vorgestellt habe, ist der Grund für diesen kleinen philosophischen Exkurs über das Thema Reisen und Urlaubmachen. Ein Betrachter der Serie kommentierte kürzlich wie folgt: „ich dachte, ihr wärt im Urlaub gewesen?!
Bääm, das saß irgendwie und war mir Anlass für ein paar weiterführenden Gedanken zum Thema. Ich hatte an diesem Tag einen nahezu perfekten Flow. Das Wetter war unterdurchschnittlich, alles im Zelt wurde langsam klamm wegen des tagelangen Nieselregens. Trotzdem raffte ich mich eines Sonntagsmorgens zu einem kleinen Spaziergang in die Umgebung auf und fand mich plötzlich an einem Ort wieder, an dem alles zueinander passte: das Wetter, die Stimmung, die entmenschlichte Umgebung. Der Akt des Fotografierens wurde zum intuitiv ablaufenden Automatismus. Keine Ablenkung durch Fragen nach Brennweite, Blende usw. Kein Leistungsdruck, keine abschweifenden Gedanken, kein Mordsgepäck. Nur ich, der Ort und die Stille des Moments. Perfekt! Dass ich dabei weniger gegenständlich orientiert Motive gesucht habe als viel mehr das Finden eines inneren Gemütszustandes dokumentiert habe, war mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst. Reine Meditation, Finden ohne Suche, Antworten ohne Frage, Systemneustart, Löschen temporärer Dateien – Erholung!

Chartres

Wohnklotz in Chartres – oder: von der Abwesenheit alles Schönen

Scheinbar wird das Fotografieren auf Reisen im Allgemeinen zwangsläufig mit blauem Himmel und dem Sammeln der ewig gleichen Postkartenmotive assoziiert. Die fatale Gleichung dabei: je mehr Trophäen man vorweisen kann, um so mehr hat man erlebt, desto erfolgreicher war die Reise. Extrem-Siteseeing als Grundlage für gute Fotos, mit denen man sich ein Stück Urlaub mit nach Hause bringt!

Wirklich?
Welchen Urlaub?