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Ostfriedhof – postdigital…

Ostfriedhof – postdigital…

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Das analoge Fieber hat mich wieder und die Digitale habe ich an den Nagel gehängt…
…kleiner Scherz.
Ich will hier nicht die ewige Diskussion Analog vs. Digital neu entfachen. Immer dieses dogmatische Entweder-oder. Müßig! Wenn man beides gerne macht, also digital und analog fotografiert, ist man dann (Achtung!) dialog unterwegs? Albern, klingt aber wenigstens schon irgendwie sympathischer. Trotzdem albern, dieses ewige In-Kategorien-pressen. Gibt wichtigeres…
Entscheidend ist doch, was gerade zur eigenen Stimmung, zum jeweiligen Anspruch und zum inneren Tempo passt. Und wenn mich gerade das Gepiepe und Gefummle in irgendwelchen Untermenüs und ständiges Akkugelade und diese ganze Plastikästhetik (uäh!) nerven, greife ich ab jetzt wieder verstärkt zur guten alten Spiegelreflex mit dem Filmröllchen drin. Die liegt schwer in der Hand und scheint für die Ewigkeit gebaut. Sollte ich nach der nuklearen Apokalypse noch das Bedürfnis haben Fotos zu schießen, mit ihr ginge das!
>Klock< – >Ritsch<, akustisch wie haptisch ein Hochgenuss und Passanten drehen sich auch wieder nach einem um.
Apropos Filmröllchen: ja, es gibt sie noch und wie mir scheint, haben im Sinne der Marktbereinigung wohl nur die besten Emulsionen überlebt. Ein wahrlich teurer Spass inzwischen, aber zur Drosselung des „Arbeits“tempos (ich vermeide den Begriff »Entschleunigung«) kommt dann halt noch die Konzentration aufs wirklich Wichtige und die einhergehende Selbstbeschränkung hinzu. Keine 64 GigaByte flüchtig konsumierter Schrott, sondern 36 Negative, denen man, wenn alles geklappt hat, eine gänzlich andere Wertschätzung entgegenbringt. Mit Spannung und Vorfreude aufs Ergebnis warten können ist auch so eine Sache, die wir gänzlich zu verlernen scheinen.
Memo an mich: aufpassen, dass ich nicht aus der Zeit falle und zum ewig-gestrigen Schrat mutiere (na gut, die Nacharbeit erledige ich dann ja wieder am Rechner – das Risiko bleibt also überschaubar)!
Drum gilt fürs erste: analysiere, was Dir wirklich wichtig ist und nutze das jeweils Beste zu deinem Vorteil. Maximiere dabei sowohl den Spass- wie auch den Entspannungsfaktor.
Wie dem auch sei, der erste Testfilm nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahren (fast 30!) war auf jeden Fall eine äußerst spannende Angelegenheit: Lampenfieber vor dem ersten Auslösen, die Vorfreude aufs Ergebnis, dann wieder Lampenfieber vor dem Selbstentwickeln (das wollte ich schon immer mal nachholen, habe ich mich früher nicht drangetraut) und dann das Hochgefühl, dass auf dem entwickelten Film wirklich was zu erkennen ist. Dann heisst es wieder warten bis der Streifen durchgetrocknet ist.
Folter für die LiveView- und Display-Verwöhnten…

Aber nun Bilder:

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Den Ostfriedhof hatte ich mir für diesen ersten Test bewusst gewählt, weil ich mich neben einem unbekannten Medium nicht noch mit einer mir unbekannten Location überfrachten wollte. Im Herzen der Stadt Dortmund gelegen ist er zweifellos einer der schönsten Friedhöfe Deutschlands und gewöhnlicherweise eine Oase der Ruhe (wenn´s nicht gerade Allerheiligen hat). Generell ein sehr inspirierender Flecken, der auch wegen seiner Nähe definitiv zu meinen Lieblingsorten gehört. Hier kenne ich mich gut aus, entdecke aber trotzdem bei jedem Besuch immer wieder etwas neues.

Abspann für die Technixxe:

Datum: 01.01.2017
Location: Ostfriedhof, Dortmund
Kamera: Canon New F1 (Bj. 1983)
bevorzugtes Objektiv: Canon nFD 135mm 1:2,8
Filter: Gelbfilter
Film: Kodak Tmax 400 auf ISO 1000 belichtet (entspricht einer Belichtungskorrektur von +2/3 Blenden für das spätere Pushen auf ISO 1600)
Push-Entwicklung auf ISO 1600 in Kodak Tmax-Entwickler 1:4 (10 Min @ 20°C)

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Die Canon T70 – Der Weg zu meiner ersten eigenen Spiegelreflex 

Da die ersten fotografischen Gehversuche mit der alten Voigtländer meiner Eltern wenig vielversprechend waren, ich aber aus unbestimmten Gründen Blut an der Sache geleckt hatte war klar, neues, zeitgemäßes Werkzeug musste her. Dringend!

Zur Erinnerung: ich war zarte 15 und wir befinden uns mitten in den 80ern – einer Dekade also, in der die analoge Kameratechnik die Schwelle zum elektronischen Zeitalter gerade eben überschritten hatte und man Fotokram noch im Neckermannkatalog bestellen konnte. So führten mich meine ersten Recherchen nach neuem Equipment zu Ommas beeindruckenden Stapeln an Versandhauskatalogen. Otto, Quelle, Neckermann hatten wir oben schon erwähnt, aber da gab´s doch noch einen? Baur – genau! Aber der hatte dem angehenden Jungfotoenthusiasten nicht wirklich Interessantes zu bieten,  außer irgendwelcher komischen Gesichtsmassagestäbe für Frauen, konnte mich da nichts wirklich fesseln. Wer brauchte eigentlich so’n Mist? Aber die Damen auf den Bildern sahen irgendwie glücklich aus. Diese Sache, sich ein vibrierendes Stäbchen an die Wange zu halten schien also zu funktionieren. Rätselhaft… egal, ich komm´ vom Kurs ab! Die Kataloge von Omma waren jedenfalls einsame Spitze und ich würde echt `ne Menge dafür geben, nochmal so ein trashiges 80er-Exemplar durchschmökern zu dürfen.

Für den Anfang konnte der Informationsbedarf also schon mal adäquat bedient werden und auch die preislichen Größenordnungen wurden in ein realistisch hartes Licht gesetzt: „Was, so teuer ist das alles??“, „Sindn das für Preise?“ Erste ernstzunehmende Hürden taten sich auf. Relativ erschwinglich waren noch die Geräte von Porst (!), die fand ich aber, ehrlich gesagt, recht uncool. Sexapeal war halt bereits in dieser Lebensphase  schon ein entscheidendes Kaufkriterium. Faszinierender war da schon das, was Canon so im Angebot hatte: die AE1-Programm zum Beispiel. An ihr gefiel mir besonders der kleine neongrüne Schriftzug – voll modern irgendwie. War die schwarze Version damals nicht teurer als die Silberne?  Warum eigentlich?  Tja, und dann natürlich der Platzhirsch, die A1. Mit der wäre man Chef gewesen. Die konnte irgendwie alles, von dem ich damals keine Ahnung hatte. Blende und Zeit wurden in roten digitalen Lettern ins Display eingeblendet. Das war definitiv the-wave-to-the-future (wir hatten zu dieser Zeit noch ein Drehscheibentelefon…)

Noch ein weiteres Kameramodell schob sich in den Fokus, die Canon T 50, aber irgendwas an ihr war merkwürdig. Die konnte offensichtlich gar nichts, jedoch wirkte ihr äußeres Erscheinen wie der Vorbote einer neuen, verheißungsvollen Ära. Der Film musste bei ihr nicht mehr von Hand weitergespult werden, alles wurde automatisch geregelt und das Colani-Design wirkte für damalige Verhältnisse sehr progressiv und ihrer Zeit voraus. Da war also etwas im Busch, was man unbedingt im Auge behalten musste!

Fast 1 1/2 Jahre hab ich dann auch nichts anderes gemacht, als die Sache irgendwie im Auge zu behalten. Was blieb einem ohne Kohle auch sonst übrig? Die Nase an den Schaufenstern der großen Fotohändler plattdrücken und die dort erbeuteten Prospekte wälzen, um sich ein wenig mit den großen Namen vertraut zu machen: Canon, Nikon, Olympus und damals auch noch Minolta, Pentax oder Ricoh. Die Prospekte konnte ich irgendwann auswendig. Mehr ging also damals nicht? Doch natürlich: jede einzelne D-Mark sparen, die durch Taschengeld, Geburtstags- und Weihnachtspräsente eingenommen wurde! Fast 1 1/2 Jahre habe ich jede einzelne Mark zurückgelegt für den Tag X. So einen langen Atem hätte ich wohl heute nicht mehr. Dann noch ein allerletzter (erfolgreicher) Anpumpversuch bei die Omma und ohne Wissen meiner Eltern ging es dann mit der S-Bahn nach Dortmund, dorthin also, wo die großen Läden waren. Hagen hatte dahingehend nicht viel zu bieten, bzw. alles war im Schnitt 50 bis 100 DM teurer als in der großen, fotoaffinen Nachbarstadt.

750 sauer ersparte D-Mark schlummerten da in einem Standardumschlag in meiner Jackentasche und ich war der festen Überzeugung, dass mir der „Reichtum“ von der Stirne abzulesen sei. Doch alles ging gut und der Entschluss stand fest: es wird die Canon A1!

Am Ende eines langen und aufregenden Shoppingtages kehrte ich dann um knapp 700 Mark erleichtert aber stolz wie Bolle zurück mit einer – na? Richtig! Einer funkelnagelneuen Canon T70 mit dem 50mm 1:1,8! Die Reaktion meiner Eltern schwankte zwischen fassungslos bis stinksauer wegen der vielen Kohle, ich dagegen spürte schon damals, dass ich mir da mit der Fotografie einen Virus eingefangen hatte, der mich lange nicht mehr loslassen würde. So gesehen war es für mich eine gute Investition in die Zukunft (Anm. d. Autors: am Ende habe ich Recht behalten)

 

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Die neue Alte! Zurück bei Papi…

 

Der Verkaufsexperte bei Doppheide und Kollow hatte mich ziemlich schnell davon überzeugen können, dass die A1 ja schon Schnee von gestern sei und ich doch lieber in etwas Zukunftssicheres investieren sollte. Was dann 3, 4 Jahre später aus dem guten, alten FD-Bajonett geworden ist, ist hinlänglich bekannt. Zukunftssicherheit hin oder her, beim ersten in die Handnehmen war´s schon um mich geschehen. Das Design der T70 hat schon immer polarisiert und viele fanden sie geradezu abgrundtief hässlich. Sie hat ihren ganz eigenen starken Charakter und ich fand sie immer traumschön. Es war definitiv Liebe auf den ersten Blick und sie wich mir viele Jahre nicht mehr von der Seite. Im ollen BW-Rucksack hat sie mit mir Europa bereist und wegen ihres gräßlich lauten Auslösegeräusches sind wir unter Zeter und Mordio aus dem Dom von Siena geflogen. Dabei hat sie mich wirklich nie im Stich gelassen und irgendwann war sie – weg! Der digitalen Euphorie zum Opfer gefallen. Es gibt so manche Entscheidungen, die…ach, egal jetzt!

Als ich kürzlich bei Ebay auf ein Angebot über eine unbenutzte, originalverpackte T70 mit dem gleichen 50er Objektiv stieß, konnte ich nicht widerstehen, ich musste einfach zuschlagen. Möglich, dass da eine gehörige Portion an schlechtem Gewissen mit im Spiel war… (Anm. d. Autors: meine bessere Hälfte tippt schwer auf Midlifecrisis)

Jetzt ist sie wieder bei mir und dieses Mal bleiben wir zusammen! Das Wiedersehen hatte was ganz eigenartiges…

… und ein Farbfilm ist auch schon eingelegt.