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Lost Places im Ruhrpott

Lost Places im Ruhrpott

Was müssen die 80er und 90er im Pott für ein Paradies gewesen sein – überall alter Schrott, Industriebrachen so groß wie Luxemburg, allerorten Verfall und Patina. Niedergang. Schichtende.

Natürlich klingt das alles nur verlockend aus der etwas speziellen Sicht des Lost-Places-Fotografen. Die Kumpel, die nach jahrzehntelanger Maloche von jetzt auf gleich auf der Straße standen, werden zu dem Thema ihre eigene Meinung haben. Aber auch als die Hochöfen noch Stahl und die Kokereien noch Koks kochten, war das Verhältnis zu den Industriegiganten ambivalent. Omma konnte da ein Lied von singen. Wenn sich draußen der Himmel rot färbte, war klar: Abstich auf der Hütte! Dann musste panikartig die frisch gewaschene Bettwäsche gerettet werden, die draußen zum Trocknen auf der Leine hing. Sonst wäre sie hin gewesen. Und wenn die braun-rote Wolke durchs Tal gezogen war, war Fensterbänkeputzen angesagt. Geklagt hat sie trotzdem nie, hatte doch ihr Fritz sein ganzes Berufsleben lang einen sicheren Arbeitsplatz am Hochofen und man konnte sich so den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten. Man arrangierte sich zeitlebens und musste halt auf Zack sein.

Ich kann mich erinnern, dass unser altehrwürdiges Knaben-Gymnasium – frisch umbenannt in Ernst-Meister-Gymnasium – in den frühen 1980ern aus allen Nähten platzte und der Unterricht teilweise in den alten Verwaltungsgebäuden der Hasper Klöckner-Werke stattfinden musste. Drinnen Katholische Religion bei Herrn Finkeldei, draußen ein Panorama aus Abbruchhalden, Skeletten von Werksanlagen und alten Gleisen der Werksbahn. Für uns war das Normalität und viele haben sich wohl weggewünscht aus dieser Melange aus Grau und Braun. Heute würde ich mir am Fenster die Nase plattdrücken. Man stelle sich nur vor: die alten riesigen Industriebrachen der 80er und 90er kombiniert mit aktueller Kameratechnik und dem fotografischen Blick von heute – ein El Dorado! Man hätte nur ein paar Schritte vor die Türe machen müssen, vielleicht durch ein Loch im Zaun schlüpfen oder ein paar Meter über die Werksbahntrasse laufen und man wäre da gewesen, im fotografischen Paradies. Heute, dreißig Jahre später, hat sich das massiv geändert. Viel übrig ist nicht mehr in der Region. Und das, was mal da war, ist heute entweder ein familiengerechtes Industriemuseum oder ein chices Neubauviertel. Mal wurde renaturiert, mal gab´s den drölfzigsten ALDI, Penny oder Hellweg. Wie dem auch sei: der alte Kram ist größtenteils verschwunden. Das zu finden, was noch übrig ist, gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen – trotz modernster Recherchemöglichkeiten im Internet. Auch Google Earth ist meistens keine große Hilfe, da das Satellitenmaterial oftmals veraltet ist. Zwei Jahre sind hier in der Gegend viel. Meistens hilft hier nur die gute alte Mundpropaganda und dann heißt es: flott sein! Eingefleischte Szenekenner haben das Ruhrgebiet bereits offiziell für tot erklärt und empfehlen die Reise nach Belgien oder in die neuen Bundesländer. Wie schade! Damals war doch alles zum Greifen nah. Will man sich heute im Ruhrpott fotografisch mit Industrieruinen beschäftigen ist man wohl schlicht und einfach zu spät dran. Zug abgefahren! Zum Verrücktwerden…

Der Strukturwandel ist gefühlt größtenteils abgeschlossen.

Aber, was macht denn eigentlich den Reiz dieser verlassenen und dem Verfall preisgegebenen Orte aus? Vermutlich ist es generell die Lust, unbekannte Gefilde zu erforschen. Hier kommt das Kind im Manne voll auf seine Kosten, haftet einer Exkursion doch immer auch ein wenig der Geruch des Verbotenen an. Auch macht es Spaß, dem Genius Loci nachzuspüren. Reizvoll, wenn der Ort wirkt, als wäre er gerade erst verlassen worden und hier und da eine Hinterlassenschaft auf das Leben und Arbeiten vor dem Niedergang verweist.

Ein typisches Beispiel für „zu spät dran“ – die kläglichen Reste des Südbahnhofs im Dortmunder Stadtzentrum (die Aufnahmen dokumentieren den Zustand zum Jahreswechsel 2015/16):

Südbahnhof-01

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Das Areal des Südbahnhofes ist, wie so viele andere, ein Ort wechselhafter Geschichte. 1874 in Betrieb genommen, wurden hier während des Dritten Reiches gleichsam die Kinderlandverschickung wie auch die Deportation der Juden in die Vernichtungslager vollzogen. 1957 wurde der Betrieb eingestellt und es folgte ein langer Dornröschenschlaf mitten im Dortmunder Stadtzentrum. 2012 erfolgte dann der Abriss von Ringlokschuppen und anderer Betriebsgebäude als Vorbereitung zur Errichtung eines modernen Wohnviertels mit dem aussagekräftigen Namen „Kronprinzenviertel“. Eine letzte verbliebene Landmarke ist der 1926 errichtete Wasserturm am Heiligen Weg.

Hier is nix mehr mit »Genius Loci«…

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