Stipvisite im Kalten Krieg – Besuch im Ausweichsitz NRW

Dokumentationsstätte ehemaliger Ausweichsitz der Landesregierung NRW – Kall-Urft/Eifel

Hinter dieser etwas sperrig daherkommenden Bezeichnung verbirgt sich ein durchaus sehenswertes Stück deutscher Ingenieurskunst aus der Zeit des Kalten Krieges. Der Ausweichsitz war 30 Jahre lang potentieller Zufluchtsort für den Ministerpräsidenten und ausgewählte Mitarbeiter des NRW-Innenministeriums für den Fall eines nuklearen Angriffs auf die BRD. Nachdem er Jahrzehnte lang einsatzbereit gehalten wurde, gab man ihn 1993 auf, weil er in kein strategisches Konzept mehr passte. Seitdem befindet sich die Anlage in Privatbesitz, kann aber im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
Seine Hauptaufgabe bestand in der Aufrechterhaltung der Regierungsaufgaben und der entsprechenden Kommunikation mit den anderen Organen, um Evakuierungen und andere Rettungsaktionen zu koordinieren.
Ca. 200 handverlesene Landesbeamte sollten hier im Falle eines Falles für maximal 30 Tage hermetisch von der Außenwelt abgeschottet ihren Dienst an Volk und Vaterland verrichten können.
Über Sinn und Unsinn eines schwimmend gelagerten Betonwürfels in der Eifel darf an dieser Stelle lebhaft diskutiert werden, hing der gesamte Erfolg dieser Maßnahme doch davon ab, dass es sich beim „Ernstfall“ um ein genau definiertes nukleares Szenario handelt, nämlich dem taktischen Angriff auf 3 Großstädte des Ruhrgebiets zur Vorbereitung des Einmarsches von Bodentruppen des Warschauer Paktes über die sogenannte „Fulda-Gap„.
Für einen direkten Treffer war der Bunker nicht ausgelegt. Dafür reichte die Dicke der Betonwände von „nur“ 3 Metern nicht aus. In dieser Hinsicht konnte ich an dieser Stelle schon mal die erste Bildungslücke schließen.
Von einer totalen, apokalyptischen Eskalation mit mehrfachem Overkill – also dem, was uns Kindern der 80er den Schlaf geraubt hat – ging man bei der Konzeption des Bunkers nicht aus. In einem solchen Fall hätte es da oben wohl auch nichts und niemanden mehr gegeben, den man hätte regieren können…

 

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Der Zugang zum Bunker, versteckt in einer Doppelgarage

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ABC-Schutzanzüge – das Symbol des Kalten Krieges

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Gegensprechanlage für die Nachzügler – Einlass ungewiss…

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Medizinischer Behandlungsraum #1

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Medizinischer Behandlungsraum #2

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Schampusvorrat für das große Abschlussfeuerwerk (?)

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Rechtsabteilung #1

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Rechtsabteilung #2

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Etagenbetten im Schichtbetrieb

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Robuste 60er-Jahre-Technik – ob man am anderen Ende jemanden erreichen wird? Fraglich…

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Fernmelderaum

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Kartenraum

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das einzige Einzelzimmer ist dem Ministerpräsidenten vorbehalten

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gemeinsames Waschen stärkt die Moral und man lernt sich näher kennen

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fest verschlossen

 
Wer sich mal dem ideologischen Shit der 70er und 80er Jahre in stilistisch passendem Ambiente hingeben möchte, dem sei der Besuch im Ausweichsitz NRW wärmstens zu empfehlen. Auch wer nicht unbedingt fotografieren möchte, kommt bei der fast 2 1/2stündigen Führung auf seine Kosten – sehr informativ und es darf lebhaft diskutiert werden. Nur sollte man sich warm anziehen – das Bunkerleben war wahrlich kein Zuckerschlecken. Fotografen sollten ein passables Weitwinkel im Gepäck haben, lange Fluchten sucht man in dem mehrgeschossigen Betonkübel vergeblich.

Abschließend in diesem Zusammenhang noch eine kleine Buchempfehlung:
»Hoimar von Ditfurth: So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – Es ist soweit«
Wissenschaftlich nüchtern und sauber recherchiert wurde hier der ganze Wahnsinn des nuklearen Zeitalters und die Folgen einer möglichen Eskalation zusammengefasst und es stimmt nebenbei ganz vorzüglich aufs Thema ein. Hat in meinem Bücherregal mittlerweile ein wenig Staub angesetzt, war aber für meine Generation damals in der Protestphase quasi Pflichtlektüre – auch wenn das allgemeine Bedrohungsszenario sich heute offenbar etwas anders darstellt…
Obwohl, wenn Donald Trump wirklich…?!
Nicht weiter drüber nachdenken!

Bildung kann so preiswert sein!

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Über meine Serie [blurred memories]…

…was macht die Fotografie zum Faszinosum?

Im Grunde genommen bin ich ja eigentlich bekennender Rationalist. Kann ich mir einen Sachverhalt logisch erklären, bin ich mit mir und dem jeweiligen Problem im Reinen. Dementsprechend widme ich mich wohl bevorzugt der eher sachlich, dokumentarischen Fotografie – klares Signal, wenig Rauschen. Doch ab und an stößt meine Ratio an gewisse Grenzen, besonders, wenn es um tiefsitzende Dinge der inneren Gefühlswelt oder um so schwer Fassbares wie Träume und Erinnerungen geht. Dann bediene auch ich mich gern einmal der eher abstrakten, subjektiven Darstellungsformen.
Das, was mich an der Beschäftigung mit der Fotografie am meisten reizt, ist eben die unbestritten enorme Bandbreite ihrer darstellenden Möglichkeiten.
Als Fotograf darf man sich einer Klaviatur bedienen, die von kristallklarer, digitaler Objektivität bis hin zu einer absolut intimen, ureigenen und nur mehr intuitiv fassbaren Reflexion reicht – eine losgelöste Darstellungsebene, zu der ein Betrachter nur noch Zugang erhält, wenn er sich offenen Geistes auf eine Interaktion mit dem Dargestellten einzulassen vermag.
Letzterer, quasi der tiefsten Oktave dieser Klaviatur, widmet sich die nachfolgend gezeigte Bildserie [blurred memories] – verblichene Erinnerungen.
Jeder von uns trägt diese Sammlung an ausgewaschenen Erinnerungsfetzen in sich, die sich mit zunehmender zeitlicher Distanz und durch stetige Überlagerung in der Dunkelheit verlieren. Diffuse Gedankenbilder, bei denen aus dem zeitlichen und emotionalen Abstand heraus nicht mehr nachvollziehbar ist, ob es sich um »echte« oder synthetische, möglicherweise durch die Erzählungen Anderer erzeugte Bildfragmente handelt.
Mein Interesse galt der Frage: kann ich diese verblichenen Bruchstücke, diese Melange aus frühesten Erinnerungen und Fieberträumen, diese Urbilder aus dem eigenen Unterbewusstsein, mit Hilfe meiner fotografischen Mittel darstellen und somit auch für Außenstehende greifbar machen?

 

Teil 1 – monochrome [blurred memories]

[blurred memories] fig 1 – »die neue straße«

[blurred memories] fig 1 – »die neue straße«

[blurred memories] fig 2 – »onkel willi«

[blurred memories] fig 2 – »onkel willi«

[blurred memories] fig 3 – »reflexion«

[blurred memories] fig 3 – »reflexion«

[blurred memories] fig 4 – »wir stehen das durch!«

[blurred memories] fig 4 – »wir stehen das durch!«

[blurred memories] fig 5 – »das erkläre ich dir , wenn du groß bist«

[blurred memories] fig 5 – »das erkläre ich dir , wenn du groß bist«

[blurred memories] fig 6 – »zur strafe: keller!«

[blurred memories] fig 6 – »zur strafe: keller!«

[blurred memories] fig 7 – »die nachricht«

[blurred memories] fig 7 – »die nachricht«

[blurred memories] fig 8 – »schläft opa?«

[blurred memories] fig 8 – »schläft opa?«

 

Teil 2 – farbige [blurred memories]

[blurred memories] fig 9 – »resas flötenspiel«

[blurred memories] fig 9 – »resas flötenspiel«

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[blurred memories] fig 10– »gib das her!«

[blurred memories] fig 11 – »ein fremder«

[blurred memories] fig 11 – »ein fremder«

[blurred memories] fig 12 – »nicht böse sein«

[blurred memories] fig 12 – »nicht böse sein«

[blurred memories] fig 13 – »chloroform«

[blurred memories] fig 13 – »chloroform«


[blurred memories] war 2013 meine erste abgeschlossene Bilderserie aus der Reihe “subjektiva”, bei der ich eine spezielle Aufnahmetechnik einsetzte, die ich auf meine Bedürfnisse hin optimiert hatte. Durch selbsthergestellte Filterscheiben vor dem Objektiv werden dessen optische Qualität, die Grundeigenschaften wie Abbildungsleistung, Präzision, Schärfe und Klarheit hinterfragt und gezielt außer Kraft gesetzt.
Das Bild entsteht dabei weder planvoll in meinem Kopf noch naturwidrig in der Software eines Rechners sondern absolut zufallsgesteuert im Moment der Aufnahme. Durch die starke optische Manipulation der verwendeten Zerrlinsen gerät das Ergebnis mehr oder minder so zu einem Zufallsprodukt und spielt daher auch ein wenig mit dem Moment der Irritation und Verwunderung. Eine zuverlässige Beurteilung des Entstandenen wird erst später in der Nachbearbeitung am Bildschirm möglich und somit quasi zum Überraschungssfund.

Aus der Masse der entstandenen Aufnahmen taucht dann unter Umständen plötzlich dieses eine BIld aus der Verschwommenheit auf und manifestiert sich zu einem berührenden Erinnerungsfetzen.
Das Objektiv meiner Kamera wird somit zum “Subjektiv”.

Lost Places im Ruhrpott

Lost Places im Ruhrpott

Was müssen die 80er und 90er im Pott für ein Paradies gewesen sein – überall alter Schrott, Industriebrachen so groß wie Luxemburg, allerorten Verfall und Patina. Niedergang. Schichtende.

Natürlich klingt das alles nur verlockend aus der etwas speziellen Sicht des Lost-Places-Fotografen. Die Kumpel, die nach jahrzehntelanger Maloche von jetzt auf gleich auf der Straße standen, werden zu dem Thema ihre eigene Meinung haben. Aber auch als die Hochöfen noch Stahl und die Kokereien noch Koks kochten, war das Verhältnis zu den Industriegiganten ambivalent. Omma konnte da ein Lied von singen. Wenn sich draußen der Himmel rot färbte, war klar: Abstich auf der Hütte! Dann musste panikartig die frisch gewaschene Bettwäsche gerettet werden, die draußen zum Trocknen auf der Leine hing. Sonst wäre sie hin gewesen. Und wenn die braun-rote Wolke durchs Tal gezogen war, war Fensterbänkeputzen angesagt. Geklagt hat sie trotzdem nie, hatte doch ihr Fritz sein ganzes Berufsleben lang einen sicheren Arbeitsplatz am Hochofen und man konnte sich so den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten. Man arrangierte sich zeitlebens und musste halt auf Zack sein.

Ich kann mich erinnern, dass unser altehrwürdiges Knaben-Gymnasium – frisch umbenannt in Ernst-Meister-Gymnasium – in den frühen 1980ern aus allen Nähten platzte und der Unterricht teilweise in den alten Verwaltungsgebäuden der Hasper Klöckner-Werke stattfinden musste. Drinnen Katholische Religion bei Herrn Finkeldei, draußen ein Panorama aus Abbruchhalden, Skeletten von Werksanlagen und alten Gleisen der Werksbahn. Für uns war das Normalität und viele haben sich wohl weggewünscht aus dieser Melange aus Grau und Braun. Heute würde ich mir am Fenster die Nase plattdrücken. Man stelle sich nur vor: die alten riesigen Industriebrachen der 80er und 90er kombiniert mit aktueller Kameratechnik und dem fotografischen Blick von heute – ein El Dorado! Man hätte nur ein paar Schritte vor die Türe machen müssen, vielleicht durch ein Loch im Zaun schlüpfen oder ein paar Meter über die Werksbahntrasse laufen und man wäre da gewesen, im fotografischen Paradies. Heute, dreißig Jahre später, hat sich das massiv geändert. Viel übrig ist nicht mehr in der Region. Und das, was mal da war, ist heute entweder ein familiengerechtes Industriemuseum oder ein chices Neubauviertel. Mal wurde renaturiert, mal gab´s den drölfzigsten ALDI, Penny oder Hellweg. Wie dem auch sei: der alte Kram ist größtenteils verschwunden. Das zu finden, was noch übrig ist, gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen – trotz modernster Recherchemöglichkeiten im Internet. Auch Google Earth ist meistens keine große Hilfe, da das Satellitenmaterial oftmals veraltet ist. Zwei Jahre sind hier in der Gegend viel. Meistens hilft hier nur die gute alte Mundpropaganda und dann heißt es: flott sein! Eingefleischte Szenekenner haben das Ruhrgebiet bereits offiziell für tot erklärt und empfehlen die Reise nach Belgien oder in die neuen Bundesländer. Wie schade! Damals war doch alles zum Greifen nah. Will man sich heute im Ruhrpott fotografisch mit Industrieruinen beschäftigen ist man wohl schlicht und einfach zu spät dran. Zug abgefahren! Zum Verrücktwerden…

Der Strukturwandel ist gefühlt größtenteils abgeschlossen.

Aber, was macht denn eigentlich den Reiz dieser verlassenen und dem Verfall preisgegebenen Orte aus? Vermutlich ist es generell die Lust, unbekannte Gefilde zu erforschen. Hier kommt das Kind im Manne voll auf seine Kosten, haftet einer Exkursion doch immer auch ein wenig der Geruch des Verbotenen an. Auch macht es Spaß, dem Genius Loci nachzuspüren. Reizvoll, wenn der Ort wirkt, als wäre er gerade erst verlassen worden und hier und da eine Hinterlassenschaft auf das Leben und Arbeiten vor dem Niedergang verweist.

Ein typisches Beispiel für „zu spät dran“ – die kläglichen Reste des Südbahnhofs im Dortmunder Stadtzentrum (die Aufnahmen dokumentieren den Zustand zum Jahreswechsel 2015/16):

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Das Areal des Südbahnhofes ist, wie so viele andere, ein Ort wechselhafter Geschichte. 1874 in Betrieb genommen, wurden hier während des Dritten Reiches gleichsam die Kinderlandverschickung wie auch die Deportation der Juden in die Vernichtungslager vollzogen. 1957 wurde der Betrieb eingestellt und es folgte ein langer Dornröschenschlaf mitten im Dortmunder Stadtzentrum. 2012 erfolgte dann der Abriss von Ringlokschuppen und anderer Betriebsgebäude als Vorbereitung zur Errichtung eines modernen Wohnviertels mit dem aussagekräftigen Namen „Kronprinzenviertel“. Eine letzte verbliebene Landmarke ist der 1926 errichtete Wasserturm am Heiligen Weg.

Hier is nix mehr mit »Genius Loci«…

Ausgeträumt…

Irgendein verlassenes Autohaus – irgendwo im Pott:

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Da stehen sie nun, die Produkte einer ausgeträumten Geschäftsidee und modern vor sich hin.
Man mag sich vorstellen, wie hier jemand seinen Traum nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit verwirklichen wollte. Am Schreibtisch sitzen, auf Kunden hoffen, im Hintergrund röchelt vielleicht die Kaffeemaschine. Die eigene Unternehmung, keiner der einem in den Kram redet und nach dessen Pfeife man tanzen muss. Günstige Gebrauchte, will doch jeder. Schließlich muss die Nation mobil bleiben. Doch irgendwas scheint dann kollossal schiefgelaufen zu sein. Vielleicht stapelten sich am Ende die Rechnungen, die Kunden blieben aus. Steuervorauszahlung? Wovon denn bitte? Aasgeier!
Irgendwann war dann wohl endgültig Feierabend. Von jetzt auf gleich. Sollen sich doch andere um den Scheiß kümmern – war ja schließlich auch die Schuld der anderen, dass es nicht geklappt hat.
Pleite und tschüss!
Und Während draußen die Birken und Brombeersträucher ihre ersten Besitzansprüche geltend machen, stehen im Schaufenster noch ein paar Kakteen. Doch zum Gießen kommt hier niemand mehr.
Den Fotografen freut’s (bis auf die herumliegenden Autobatterien vielleicht)…

 

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Die „Voigtländer Vito B“ – oder: wie die Fotografie mich fand…

Die Voigtländer Vito B – oder: wie die Fotografie mich fand…

  
Wenn ich genauer darüber nachdenke, hätte ein anderer Untertitel für diesen Artikel wohl genausogut gepasst, nämlich: „Wie alles um ein Haar vorbei war, bevor es überhaupt richtig begonnen hat “.

Naja, Gott sei Dank dann doch nur fast, sonst würde dieser Blog hier nicht existieren oder ich würde an dieser Stelle über ganz andere Themen schreiben. Spekulation!

Offenbar scheint es ja im Umkehrschluss nach anfänglichen Schwierigkeiten doch noch zwischen mir und meiner großen Liebe, der Fotografie (damals noch: Photographie) gefunkt zu haben. Aber ein mittelschweres Fiasko war es in dieser frühen Anfangsphase schon, das gebe ich offen zu. Doch Gemach, wir wollen nicht allzu weit vorgreifen! Also alles schön der Reihe nach:

Wir schreiben den Jahreswechsel 1984/85. Das Orwell-Jahr war glücklich überstanden, das Feindbild relativ klar und der Kalte Krieg noch immer in vollem Gange. Bäume wurden umarmt, erste Ansätze einer sich andeutenden Gesichtsbehaarung wurden jeden Morgen peinlichst genau im Badezimmerspiegel auf Längenzuwachs kontrolliert. Die Neue Deutsche Welle lag endgültig in den allerletzten Zügen und ich konnte den Sauseschritt-Kram auch ehrlich gesagt inzwischen nicht mehr hören. Viel interessantere Sachen, zum Beispiel Depeche Mode, Pink Floyd oder Duran Duran schlichen sich da auf den Walkman. Wild Boys! – na, das passte doch schon viel besser! Der besagte Walkman wurde übrigens von einer gewissen Marke namens Sony produziert. Die bauen heute irgendwie alles mögliche an Unterhaltungselektronik, inzwischen wohl auch Digitalkameras mit mordsmäßig vielen Megapixeln, hab ich mir sagen lassen. Damals wäre allein der Gedanke an Megapixel oder Terabyte die pure Science Fiction gewesen, wenn es überhaupt schon jemanden gegeben hat, der davon zu träumen wagte!

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen trug es sich also zu, dass eine Skifreizeit abgehalten werden sollte ins tief verschneite Umland von Innsbruck. Gemeinsam mit der Parallelklasse. Und was braucht es da neben frischen Wechselschlüpfern und Bommelmütze? Richtig: ne Knipse und nen Film, damit die Omma zu Hause später wat zu gucken hat. Vattern rückte dann bei der Abreise auch recht gönnerhaft sein altes Schätzchen raus (mit dem er meines Wissens eh so gut wie nie selbst fotografiert hat – das war auf Urlaubsreisen traditionell immer Aufgabe meiner Mutter) und seit eben diesem Abreisetage befindet sich jenes Schätzchen in meiner persönlichen Obhut: eine, wie ich finde, auch heute noch wunderschöne Sucherkamera: die Voigtländer Vito B (Typ 126). Habe ich danach nie wieder hergegeben.

Die Vito B wurde also zu meinem ersten fotografischen Werkzeug, zum damaligen Zeitpunkt hatte sie wahrscheinlich auch schon grob geschätzt ihre 25 Jährchen auf dem Buckel! Eingepasst in ein mittelbraunes Klapplederetui (mit dem Charme eines 50er-Jahre-Herrentäschchens) war da ein Stück Purismus und Reduktion in Reinstkultur. Eindeutig „Made in Germany“, satt und schwer in der Hand liegend und durch das konsequente Weglassen jeglicher, den Fotografenlehrling unterstützenden Assistenzsysteme bestechend minimalistisch. „reduced to the max“ also! Belichtungsmesser, Fokussierhilfen, automatischer Filmtransport? Brauchte doch kein Mensch! Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass auf die Innenseite von manchen Filmschachteln Belichtungshinweise aufgedruckt waren. Die sollten dem Fotografen in gewissen Standardsituationen helfen, durch Schätzen eine geeignete Zeit-/Blenden-Kombination zu ermitteln. Das ganze Unterfangen erschien mir damals aber ähnlich abstrakt wie das Prüfen der Windgeschwindigkeit mittels feuchtem Zeigefinger.

Andererseits – hatte meine eigene Mutter die Machbarkeit dieser Arbeitsweise nicht bei jeder Urlaubsreise aufs Neue eindrucksvoll bewiesen? Filmpackung aufgedröselt, konzentriertes Studium der Anwendungsratschläge, Belichtungssituation geschätzt, irgendwo dran rumgefummelt, „woistdasvögelchen“ – und <Klack!>! Das Bild war also im Kasten!

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aufgenommen um 1972 mit einer Voigtländer Vito B – Farbdiafilm – Location: Ommas Wohnzimmer

Ein ebenso essentieller wie unverzichtbarer Bestandteil ihres Workflows: konsequent auf jedem (wirklich jedem!) Foto mit Personenbeteiligung die Köpfe knapp oberhalb der Augenbrauen anzuschneiden (s.o.). Ganz ehrlich: ich hab keinen blassen Schimmer, was sie sich dabei gedacht hat! Vordergrund macht Bild gesund? Füße brauchen Luft? Waren unsere Frisuren scheiße oder sollten gar die Spätfolgen einer Saugglockengeburt verheimlicht werden? Ich weiß es wirklich nicht… Aber gnadenlos konsequent war es und bewundert habe ich’s irgendwie auch, beruhte doch die gesamte Kunstfertigkeit, von der Ermittlung der Belichtung bis hin zur Bildkomposition, auf simplem Schätzen. Und so führte sie diese zugegebenermaßen liebenswert unbefangene Vorgehensweise am Ende zu einer – wie soll ich mich ausdrücken – doch recht individuellen Bildsprache mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert. Manche Fotografen arbeiten ihr ganzes Leben an dieser Aufgabe, meine Mutter hatte es im Blut! Kurzum, was Mutti da in reproduzierbarer Qualität auf die Beine stellte, sollte Sohnemann doch mit links schaffen können und dermaßen euphorisch und behangen mit einem braunen Klapplederetui Marke „Heinz Becker“ ging es dann schließlich auf große Fahrt.

Das mit dem Schätzen hat dann bei mir am Ende doch nicht so zuverlässig funktioniert, dafür die Sache mit dem Sich-Selbst-Überschätzen um Längen besser. Dass Diafilme für Belichtungsfehler wesentlich empfänglicher waren als Color-Negativfilme, war mir natürlich zum damaligen Zeitpunkt überhaupt noch nicht bekannt und hätte nicht ein sehr netter Kollege aus der Parallelklasse mein fotografisches Treiben argwöhnisch beäugt und mir helfend unter die Arme gegriffen, wäre wohl der gesamte Filmstreifen von vorne bis hinten wechselweise schneeweiß oder kohlrabenschwarz geworden. Zu meiner Rettung hatte sich aber der Volker von seinem Vater auch einen Fotoapparat in einem mittelbraunen Klapplederetui ausgeliehen Das war jedoch, wenn ich mich recht entsinne, eine Voigtländer CL und die war – der Wahnsinn! – mit einem eingebauten Belichtungsmesser ausgestattet. Man kam ins Gespräch, die Technik wurde wechselseitig fachmännisch begutachtet und der Unbedarfte (ich) konnte fortan wenigstens hin und wieder auf Zuruf mit soliden Belichtungsdaten versorgt werden, war doch die Diskrepanz zwischen meinen Schätzwerten und den tatsächlich per Photozelle gemessenen Daten – hmm, sagen wir mal – verblüffend!

Mehrere Dinge von großer Nachhaltigkeit entstanden hier auf dieser denkwürdigen Skifreizeit im Jahre 1985: mein Ehrgeiz, die Kunst der Fotografie zu erlernen und die Geheimnisse der Belichtungsmessung zu entzaubern, die Erkenntnis, dass dieses Ziel höchstwahrscheinlich nur durch ein massives Upgraden des technischen Equipments zu erreichen sein würde und eine dauerhafte und grundsolide Männerfreundschaft, die sich trotz unterschiedlicher Lebenswege tatsächlich bis heute erhalten hat.

Die Vito besitze ich im übrigen auch heute immer noch und in der letzten Zeit habe ich wieder richtig Lust bekommen, mal einen Film durchzuziehen. Werde mich beizeiten auf die Suche nach ihr machen und dann probiere ich einen Color-Negativfilm. 😉

Die digitale Bilderflut und das ungewollte Plagiat…

In der vergangenen Woche erfuhr ich per Facebook von einem Plagiatsfall der selten dummdreistdämlichen Sorte, der mich nur sprachlos mit dem Kopf schütteln ließ.

Der bekannte Münchner Fotograf Nick Frank – aka „ISO 72“ – entrüstete sich – völlig zurecht, dass ihn ein „Kollege“ kopiert und mit diesen Kopien sogar schon den ein oder anderen Wettbewerb gewonnen habe. Nun gut, jetzt bin ich nicht unbedingt der emotionale Typ, der sofort reflexartig „Skandal“ brüllt und jede Shitstormwelle reitet, aber meine Neugier war geweckt und da der Geschädigte die Website des dubiosen Herrn direkt verlinkt hatte, wurde flott mal eben recherchiert, was es mit dem Trubel denn überhaupt auf sich hatte.

Was soll ich sagen?

Im ersten Moment dachte ich, Herr Frank hätte im ersten Dampf versehentlich seine eigene Seite verlinkt! Hab erst gar nicht geschnallt, was ich da sehen durfte: die in der Szene nun nicht gerade unbekannten Arbeiten von Nick Frank mehr oder weniger 1:1 kopiert. Nicht eins, nicht zwei – Dutzende! Und nicht nur das, sogar ganze Sets wurden exakt identisch zusammengestellt. Wohlgemerkt, immerhin hatte sich dabei jemand wirklich große Mühe gegeben! Es handelte sich nämlich nicht um eine Kopie der Originale im eigentlichen Sinne, so á la Copy&Paste – da hatte sich jemand tatsächlich aufgemacht, jeden Originalschauplatz höchstselbst aufzusuchen und die Aufnahmen aus den exakt gleichen Aufnahmewinkeln bei gleichem Lichteinfall nachzustellen. Das Ganze führte ihn dann schlussendlich bis nach Hongkong, was ja bekanntlich ein gutes Stück jenseits der Stadtgrenze Münchens liegt. Bemerkenswert…

Ich dachte ja, nach dem VW-Skandal überrascht mich bezüglich systematischen Bescheißens nichts mehr so leicht, aber da lag ich wohl falsch!

Die eigene Denkfabrik begann zu arbeiten: was geht in einem Kopf vor, der glaubt, mit einer Nummer dieser Dimension unentdeckt bleiben zu können – in Zeiten von viraler Verbreitung, sozialer Vernetzung und Bildersuchmaschinen? Empfand er wohl so etwas wie Stolz, als er mit dem geklauten und kopierten Gedankengut eines anderen einen Wettbewerb gewann? Hat er danach ruhig schlafen können und morgens mit dem gleichen Selbstwertgefühl in den Spiegel blicken können? Für mich kaum vorstellbar…

Mein Résumé des Ganzen:

Vorbilder imitieren, deren Vorgehensweisen studieren und zu eigenen Lernzwecken kopieren und weiterzuentwickeln ist legitim und dieses Vorgehen ist wahrscheinlich so alt wie die Höhlenbilder von Lascaux. Mit fremden Federn schmücken sich dagegen nur Arschlöcher, schließlich erntet man Ruhm, der einem anderen gebührt und man bringt sich letztlich um das Beste: den Stolz auf das Werk, das man selbst erschaffen hat.

Kurzum: ich wähnte mich vom Plagiat so weit entfernt wie die berühmte Kuh vom Fallschirmspringen.

Was ich dabei jedoch im ersten Moment völlig übersah, war die allzeit latente Gefahr des „unbeabsichtigten Plagiats“. Das gemütliche Stöbern in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Fotoespresso“ öffnete mir gerade eben die Augen für die Problematik: im ersten Moment war ich mir sicher, eins meiner eigenen Fotos aus Rotterdam abgedruckt zu sehen. Hatte ich einen Wettbewerb gewonnen ohne davon erfahren zu haben? Hatte ich überhaupt an einem Wettbewerb teilgenommen, und dann auch noch mit einer Farbaufnahme? Mitnichten, denn den Ruhm erntete offensichtlich ein holländischer Kollege und das schon zwei Jahre bevor meine Aufnahme überhaupt entstanden war.

Ein Beispiel dieser von mir völlig unbeabsichtigten „Plagiate“:

gefunden in der aktuellen Ausgabe des Fotoespresso: Blaakse Bos (Cube Houses), Rotterdam; Fotograf: Cor Boes

gefunden in der aktuellen Ausgabe des Fotoespresso:
Blaakse Bos (Cube Houses) – Rotterdam, 2013; Fotograf: Cor Boes

Blaakse Bos, Rotterdam 2015; eigenes Portfolio

Blaakse Bos – Rotterdam, 2015; aus meinem eigenen Portfolio

das gleiche Motiv in der von mir bevorzugten monochromen Fassung

das gleiche Motiv in der von mir bevorzugten monochromen Fassung; © Andre Kurenbach

In jedem Fall kann ich guten Gewissens behaupten, nicht wissentlich geklaut zu haben. Das Bild des Kollegen war mir vorher nicht bekannt, noch hatte ich vor den Reisen gezielt nach Bildern von Rotterdams Sehenswürdigkeiten gesucht, um mich inspirieren zu lassen.

Das tue ich nämlich grundsätzlich nicht, um mir einen frischen und unbefangenen Blick zu bewahren.

Ich war vielmehr völlig frei und unvoreingenommen an einem Ort, der mich begeisterte und in diesem Zusammenhang sind dann Bilder entstanden, die meine persönliche Sichtweise widerspiegeln. Nicht mehr und nicht weniger. Scheinbar hatte jemand vor mir die gleiche Bildidee, hmm, okay! Soll ja vorkommen, doch was für Konsequenzen muss ich jetzt für mich ziehen, wenn ich ein Bild veröffentlichen will, wie im Falle der Aufnahme „Blaakse Bos“, die sich mittlerweile für jeden sichtbar in meinem 500px-Portfolio befindet oder ein Bild bei einem Wettbewerb einreichen möchte?

Muss ich jetzt vor jeder Veröffentlichung intensivste Webrecherche betreiben, ob meine Aufnahme vielleicht so oder so ähnlich anderswo wohlmöglich schon existiert? Eine Frage, auf die ich für mich noch keine abschließende Antwort gefunden habe, aber irgendwie sträube ich mich gegen diese Vorstellung.

Fotografie ist für mich kein Wettbewerb, in dem man sich mit anderen messen oder gegen die man ein Rennen gewinnen muss. Sie ist vielmehr Ausdrucksform für das persönliche Sehen, das Empfinden einer speziellen Situation und die Spiegelung des eigenen Inneren.

Was spiegle ich bitte, wenn ich wissentlich ganze Werkserien eines anderen Fotografen kopiere?

Ein erster Ansatz, um der Gefahr des unbeabsichtigten Plagiats aus dem Wege zu gehen, ist wahrscheinlich zuallererst das Verlassen ausgetretener Pfade und der konsequente Weg zur eigenen Bildsprache. Auch wenn das bedeutet, am Mainstream vorbei zu produzieren und die Arbeiten dadurch ihre Massentauglichkeit verlieren, sollte man auf die innere Stimme hören und in Kauf nehmen, dass sich die „Likes“ im einstelligen Bereich einpendeln. So what? Vielleicht sollte ich auch das unkontrollierte Konsumieren von Bildern im Web ein wenig reduzieren, um mir den eigenen Blick nicht zu verstellen…

…to be continued!

Urlaubsstress…

Alle Jahre wieder der gleiche Stress – Urlaub!
Der Termin steht, das Zeitfenster wurde erfolgreich im Kollegenkreis ausgefochten und mit der Partnerin synchronisiert. Man plant die Tour generalstabsmäßig, um soviel Erlebnis wie möglich in diese drei kostbaren Wochen zu stopfen; für das Equipment werden Checklisten erarbeitet, Punkte ergänzt und wieder gestrichen. Der fahrbare Untersatz muss sich selbstverständlich in technischem Topzustand befinden. Bloß keine Panne unterwegs, die Gefahr unvorhergesehener Ereignisse muss schließlich aufs Minimum reduziert werden. Das führt uns übergangslos zur nächsten Checkliste. Habe ich an alles, aber wirklich alles gedacht? Als wenn das Vergessen eines Ladekabels das Gesamtprojekt zum Scheitern bringen könnte, gerät die Urlaubsplanung peu à peu zum Mondlandungsprojekt.
Parallel dazu steigt das berufliche Aufgabenpensum proportional an, je näher der Abreisetermin rückt. Schließlich will man ja soviel wie möglich im Vorfeld noch erledigen und abschließen und seine Mitstreiter nicht auf ungelösten Problemen sitzen lassen. Man wird zur Maschine, zum emotionalen Grenzgänger. Die Luft wird dünner, man fühlt sich wie die zentrale Anlaufstelle zur Lösung aller nur denkbaren Arbeitgeber-, Kollegen- und Kundenprobleme.
Und irgendwann ist man dann komplett <durch>, im wahren Wortsinn. Akut urlaubsreif. Aber jetzt wird der Schalter auf Erholung umgelegt!
Wirklich? Nee!
Funktioniert nämlich nicht!
Kann gar nicht funktionieren.
Die allgemeine Urlaubsrealität sieht doch eher so aus: man reiht sich auf vollgestopften Autobahnen oder Flughäfen in den Zug der paranoiden Lemminge ein. Die Anreise an sich wird zum „Augen-zu-und-durch“-Gefühl und ins Hirn schleicht sich die Gewissheit, dass es auf der Heimreise vermutlich wieder ähnlich ablaufen wird. Endlich am Ziel (?) angekommen (?) stellt man dann ernüchtert fest, dass sich die Schönheit, des Ortes scheinbar global herumgesprochen haben muss. Warteschlangen allerorten, gefühlt so lang wie die chinesische Mauer und vermutlich ebenfalls wie diese mittlerweile aus dem All erkennbar. Ist man psychisch einigermaßen stabil und kann das noch ausblenden, folgt die nächste Ernüchterung: das weltberühmte Königsportal eingerüstet unter Plastikplane. Naja, muss ja auch hin und wieder mal repariert werden, bevor ’s irgendwann ganz dahin ist. Aber ausgerechnet dann, wenn ich mich fotografisch damit auseinandersetzen möchte?? Scheiße…
Umdisponieren, dann halt der nächste Programmpunkt. Was, zwei Kugeln im Hörnchen 12€ ??? Zack, Touristenfalle, Gipfel der Schmach! Die Contenance gerät in bedrohliche Schieflage. Bloß die Fassung bewahren, auch wenn man am liebsten die Hörnchen umgedreht auf die Theke klatschen würde. Wie konnte dem alten Italienhaudegen bloß so ein lapidarer Anfängerfehler unterlaufen? Unbemerkt vor lauter Hektik und trotz vermeintlich perfekter Vorbereitung brechen sich auch beim Reisen alte Routinen Bahn: man ist gedanklich noch zuhause, lebt nach wie vor nach der Uhr, erstellt minutiöse Tagespläne und für den Zeitpunkt des perfekten Sonnenuntergangs am Urlaubsort gibt’s ne App. Schlecht nur, wenn dann ausgerechnet das Wetter einem nen Strich durch die Rechnung macht. So kann es passieren, dass Enttäuschung auf Enttäuschung folgt. Das, was eigentlich das Reisen ausmacht – Abenteuer, Müßiggang, Überraschungen, sich in einer fremden Umgebung wiederfinden, sich an ungewohnte Umstände anzupassen – das alles wird plötzlich jetzt zum Negativerlebnis. Die Erwartungshaltung im Vorfeld war viel zu groß; die in der Vorfreude entstandenen Illusionen erreichen unsanft den Boden der Realität. Man fühlt sich als Opfer von Nepp und Schlepp. Dazu schleichen sich unreflektiert die gewohnten Muster des Alltags ein: Perfektionismus, Egozentrik, Optimierungswahn bis ins kleinste Detail. In seiner Summe kann das alles nur in die Katastrophe führen und die Ursache des ganzen ist – Angst!
Angst vor dem Sich-Treiben-Lassen, Angst davor, die Fäden aus der Hand zu geben, Reagieren zu müssen statt die totale Kontrolle zu haben, Angst, etwas verpassen zu können.
Habe ich eine Lösung für das Problem gefunden? Jein! Aber ich arbeite dran, weil ich für mich nicht akzeptieren will, dass man jedes Jahr aufs Neue so sicher wie das Weihnachtsfest in die gleiche Fallen tappt. Erste strategische Maßnahmen könnten sein:

  • man sollte, wenn irgend möglich, azyklisch reisen, die klassischen An-und Abreisetermine in den Ferien umgehen – eigentlich problemlos
  • wenn es irgendwie machbar ist, die Hauptsaison meiden wie der Teufel das Weihwasser. Eigentlich banal, hat sich aber scheinbar noch nicht rumgesprochen. Ist natürlich zugegebenermaßen für Familien mit Kindern nicht realisierbar
  • um touristische Hotspots einen großen Bogen machen. Anstelle von Lissabon kann es auch mal Porto sein und man wird positiv überrascht sein! Will man sich trotzdem Venedig anschauen, bitte zurück zu Punkt eins: Azyklisch reisen! Mein erster Besuch Venedigs war in einem Januar und hat in mir eine ewig währende Liebe zu dieser Stadt entfacht, an der kein Besuch im Juli oder August später etwas ändern konnte. Außerdem kenne ich mittlerweile die Stadt so gut, dass ich weiß, wo man sich zu welcher Zeit am Tage ungestört herumtreiben kann und welche Stellen man besser außen vor lässt.
  • ein weiterer Ansatz (und jetzt kommt der wirklich schwierige Part) ist, weitestgehend „leer„, also möglichst unvoreingenommen und ohne Traumbilder im Kopf, die Reise anzutreten. Das hat nämlich noch nie funktioniert. Sah immer ganz anders aus als erwartet, selten schöner!

Letzteres führt also erfahrungsgemäß zu gar nichts. Positiv überrascht war ich dagegen immer dann, wenn ich zufällig und völlig unerwartet einen schönen Ort entdeckt habe, und damit meine ich jetzt nicht die perfekte Postkartenidylle oder die Ideallandschaft, sondern vielmehr einen Ort, der optimal zu meiner jeweiligen inneren Gemütslage passte, in der es zu einem harmonischen Wechselspiel zwischen Äußerem und Inneren kam. Der eine schafft das auf Malle, faul am Strand liegend, der andere dagegen muss sich bei einem Alpencross auspowern, was beides vollkommen in Ordnung ist.
Bei mir klappt das eher bei einem einsamen Spaziergang durch einen tristen französischen Vorort. Jeder halt nach seiner Façon!
Die Bildserie „Chartres„, die ich schon in einem meiner früheren Blog-Artikel vorgestellt habe, ist der Grund für diesen kleinen philosophischen Exkurs über das Thema Reisen und Urlaubmachen. Ein Betrachter der Serie kommentierte kürzlich wie folgt: „ich dachte, ihr wärt im Urlaub gewesen?!
Bääm, das saß irgendwie und war mir Anlass für ein paar weiterführenden Gedanken zum Thema. Ich hatte an diesem Tag einen nahezu perfekten Flow. Das Wetter war unterdurchschnittlich, alles im Zelt wurde langsam klamm wegen des tagelangen Nieselregens. Trotzdem raffte ich mich eines Sonntagsmorgens zu einem kleinen Spaziergang in die Umgebung auf und fand mich plötzlich an einem Ort wieder, an dem alles zueinander passte: das Wetter, die Stimmung, die entmenschlichte Umgebung. Der Akt des Fotografierens wurde zum intuitiv ablaufenden Automatismus. Keine Ablenkung durch Fragen nach Brennweite, Blende usw. Kein Leistungsdruck, keine abschweifenden Gedanken, kein Mordsgepäck. Nur ich, der Ort und die Stille des Moments. Perfekt! Dass ich dabei weniger gegenständlich orientiert Motive gesucht habe als viel mehr das Finden eines inneren Gemütszustandes dokumentiert habe, war mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst. Reine Meditation, Finden ohne Suche, Antworten ohne Frage, Systemneustart, Löschen temporärer Dateien – Erholung!

Chartres

Wohnklotz in Chartres – oder: von der Abwesenheit alles Schönen

Scheinbar wird das Fotografieren auf Reisen im Allgemeinen zwangsläufig mit blauem Himmel und dem Sammeln der ewig gleichen Postkartenmotive assoziiert. Die fatale Gleichung dabei: je mehr Trophäen man vorweisen kann, um so mehr hat man erlebt, desto erfolgreicher war die Reise. Extrem-Siteseeing als Grundlage für gute Fotos, mit denen man sich ein Stück Urlaub mit nach Hause bringt!

Wirklich?
Welchen Urlaub?