Die „Voigtländer Vito B“ – oder: wie die Fotografie mich fand…

Die Voigtländer Vito B – oder: wie die Fotografie mich fand…

  
Wenn ich genauer darüber nachdenke, hätte ein anderer Untertitel für diesen Artikel wohl genausogut gepasst, nämlich: „Wie alles um ein Haar vorbei war, bevor es überhaupt richtig begonnen hat “.

Naja, Gott sei Dank dann doch nur fast, sonst würde dieser Blog hier nicht existieren oder ich würde an dieser Stelle über ganz andere Themen schreiben. Spekulation!

Offenbar scheint es ja im Umkehrschluss nach anfänglichen Schwierigkeiten doch noch zwischen mir und meiner großen Liebe, der Fotografie (damals noch: Photographie) gefunkt zu haben. Aber ein mittelschweres Fiasko war es in dieser frühen Anfangsphase schon, das gebe ich offen zu. Doch Gemach, wir wollen nicht allzu weit vorgreifen! Also alles schön der Reihe nach:

Wir schreiben den Jahreswechsel 1984/85. Das Orwell-Jahr war glücklich überstanden, das Feindbild relativ klar und der Kalte Krieg noch immer in vollem Gange. Bäume wurden umarmt, erste Ansätze einer sich andeutenden Gesichtsbehaarung wurden jeden Morgen peinlichst genau im Badezimmerspiegel auf Längenzuwachs kontrolliert. Die Neue Deutsche Welle lag endgültig in den allerletzten Zügen und ich konnte den Sauseschritt-Kram auch ehrlich gesagt inzwischen nicht mehr hören. Viel interessantere Sachen, zum Beispiel Depeche Mode, Pink Floyd oder Duran Duran schlichen sich da auf den Walkman. Wild Boys! – na, das passte doch schon viel besser! Der besagte Walkman wurde übrigens von einer gewissen Marke namens Sony produziert. Die bauen heute irgendwie alles mögliche an Unterhaltungselektronik, inzwischen wohl auch Digitalkameras mit mordsmäßig vielen Megapixeln, hab ich mir sagen lassen. Damals wäre allein der Gedanke an Megapixel oder Terabyte die pure Science Fiction gewesen, wenn es überhaupt schon jemanden gegeben hat, der davon zu träumen wagte!

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen trug es sich also zu, dass eine Skifreizeit abgehalten werden sollte ins tief verschneite Umland von Innsbruck. Gemeinsam mit der Parallelklasse. Und was braucht es da neben frischen Wechselschlüpfern und Bommelmütze? Richtig: ne Knipse und nen Film, damit die Omma zu Hause später wat zu gucken hat. Vattern rückte dann bei der Abreise auch recht gönnerhaft sein altes Schätzchen raus (mit dem er meines Wissens eh so gut wie nie selbst fotografiert hat – das war auf Urlaubsreisen traditionell immer Aufgabe meiner Mutter) und seit eben diesem Abreisetage befindet sich jenes Schätzchen in meiner persönlichen Obhut: eine, wie ich finde, auch heute noch wunderschöne Sucherkamera: die Voigtländer Vito B (Typ 126). Habe ich danach nie wieder hergegeben.

Die Vito B wurde also zu meinem ersten fotografischen Werkzeug, zum damaligen Zeitpunkt hatte sie wahrscheinlich auch schon grob geschätzt ihre 25 Jährchen auf dem Buckel! Eingepasst in ein mittelbraunes Klapplederetui (mit dem Charme eines 50er-Jahre-Herrentäschchens) war da ein Stück Purismus und Reduktion in Reinstkultur. Eindeutig „Made in Germany“, satt und schwer in der Hand liegend und durch das konsequente Weglassen jeglicher, den Fotografenlehrling unterstützenden Assistenzsysteme bestechend minimalistisch. „reduced to the max“ also! Belichtungsmesser, Fokussierhilfen, automatischer Filmtransport? Brauchte doch kein Mensch! Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass auf die Innenseite von manchen Filmschachteln Belichtungshinweise aufgedruckt waren. Die sollten dem Fotografen in gewissen Standardsituationen helfen, durch Schätzen eine geeignete Zeit-/Blenden-Kombination zu ermitteln. Das ganze Unterfangen erschien mir damals aber ähnlich abstrakt wie das Prüfen der Windgeschwindigkeit mittels feuchtem Zeigefinger.

Andererseits – hatte meine eigene Mutter die Machbarkeit dieser Arbeitsweise nicht bei jeder Urlaubsreise aufs Neue eindrucksvoll bewiesen? Filmpackung aufgedröselt, konzentriertes Studium der Anwendungsratschläge, Belichtungssituation geschätzt, irgendwo dran rumgefummelt, „woistdasvögelchen“ – und <Klack!>! Das Bild war also im Kasten!

1972

aufgenommen um 1972 mit einer Voigtländer Vito B – Farbdiafilm – Location: Ommas Wohnzimmer

Ein ebenso essentieller wie unverzichtbarer Bestandteil ihres Workflows: konsequent auf jedem (wirklich jedem!) Foto mit Personenbeteiligung die Köpfe knapp oberhalb der Augenbrauen anzuschneiden (s.o.). Ganz ehrlich: ich hab keinen blassen Schimmer, was sie sich dabei gedacht hat! Vordergrund macht Bild gesund? Füße brauchen Luft? Waren unsere Frisuren scheiße oder sollten gar die Spätfolgen einer Saugglockengeburt verheimlicht werden? Ich weiß es wirklich nicht… Aber gnadenlos konsequent war es und bewundert habe ich’s irgendwie auch, beruhte doch die gesamte Kunstfertigkeit, von der Ermittlung der Belichtung bis hin zur Bildkomposition, auf simplem Schätzen. Und so führte sie diese zugegebenermaßen liebenswert unbefangene Vorgehensweise am Ende zu einer – wie soll ich mich ausdrücken – doch recht individuellen Bildsprache mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert. Manche Fotografen arbeiten ihr ganzes Leben an dieser Aufgabe, meine Mutter hatte es im Blut! Kurzum, was Mutti da in reproduzierbarer Qualität auf die Beine stellte, sollte Sohnemann doch mit links schaffen können und dermaßen euphorisch und behangen mit einem braunen Klapplederetui Marke „Heinz Becker“ ging es dann schließlich auf große Fahrt.

Das mit dem Schätzen hat dann bei mir am Ende doch nicht so zuverlässig funktioniert, dafür die Sache mit dem Sich-Selbst-Überschätzen um Längen besser. Dass Diafilme für Belichtungsfehler wesentlich empfänglicher waren als Color-Negativfilme, war mir natürlich zum damaligen Zeitpunkt überhaupt noch nicht bekannt und hätte nicht ein sehr netter Kollege aus der Parallelklasse mein fotografisches Treiben argwöhnisch beäugt und mir helfend unter die Arme gegriffen, wäre wohl der gesamte Filmstreifen von vorne bis hinten wechselweise schneeweiß oder kohlrabenschwarz geworden. Zu meiner Rettung hatte sich aber der Volker von seinem Vater auch einen Fotoapparat in einem mittelbraunen Klapplederetui ausgeliehen Das war jedoch, wenn ich mich recht entsinne, eine Voigtländer CL und die war – der Wahnsinn! – mit einem eingebauten Belichtungsmesser ausgestattet. Man kam ins Gespräch, die Technik wurde wechselseitig fachmännisch begutachtet und der Unbedarfte (ich) konnte fortan wenigstens hin und wieder auf Zuruf mit soliden Belichtungsdaten versorgt werden, war doch die Diskrepanz zwischen meinen Schätzwerten und den tatsächlich per Photozelle gemessenen Daten – hmm, sagen wir mal – verblüffend!

Mehrere Dinge von großer Nachhaltigkeit entstanden hier auf dieser denkwürdigen Skifreizeit im Jahre 1985: mein Ehrgeiz, die Kunst der Fotografie zu erlernen und die Geheimnisse der Belichtungsmessung zu entzaubern, die Erkenntnis, dass dieses Ziel höchstwahrscheinlich nur durch ein massives Upgraden des technischen Equipments zu erreichen sein würde und eine dauerhafte und grundsolide Männerfreundschaft, die sich trotz unterschiedlicher Lebenswege tatsächlich bis heute erhalten hat.

Die Vito besitze ich im übrigen auch heute immer noch und in der letzten Zeit habe ich wieder richtig Lust bekommen, mal einen Film durchzuziehen. Werde mich beizeiten auf die Suche nach ihr machen und dann probiere ich einen Color-Negativfilm. 😉

Ein Gedanke zu „Die „Voigtländer Vito B“ – oder: wie die Fotografie mich fand…

  1. zeitlauf

    84/85 war noch mein letztes Kindergartenjahr, da durfte ich Mama und Papas Kamera ( eine Minolta Hi-matic) nur von „weitem“ anschaun 😉 . In der Volksschule war ich aber dann einer der ersten der mal ein Pocketkamera mit hatte… da war man jemand damals 🙂 .
    LG Peter

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