Vernissage: der Fotograf Andy Spyra im Osthaus-Museum Hagen

„Andy Spyra: Armenische Bilder aus der Türkei – 100 Jahre nach der Großen Katastrophe“

  • ein persönlicher Kommentar zur Ausstellung im Hagener Osthaus-Museum
Copyright: Andy Spyra - mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Copyright: Andy Spyra – mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Es gibt diese Namen auf die man bei der Kreuz-und-quer-Recherche im Web eher zufällig stößt (zumindest war es bei mir der Fall) und plötzlich bleibt man an ihnen kleben. Wie ist das bloß möglich, dass man vorher noch nie etwas von diesem Fotografen gehört hat?

Auf Klavdij Sluban, den ich als fotografisches Vorbild sehr schätze, stieß ich eher zufällig und mit dem Namen Andy Spyra ist es bei mir bis vor etwa einem Jahr ebenso gewesen.

Dabei haben Andy Spyra und ich durchaus gewisse Gemeinsamkeiten: wir sind beide gebürtige Hagener, haben unseren Wohnsitz mittlerweile in Dortmund und teilen beide vermutlich mit der gleichen Intensität die Leidenschaft der Fotografie und hierbei die ausgewiesene Vorliebe für die monochrome Darstellung – soviel also zu dem, was uns verbindet.

Was uns offensichtlich unterscheidet: Andy ist Jahrgang 1984, ich 1970, und er arbeitet regelmäßig in Ländern, in denen sich andere vermutlich vor Angst in ihrem Hotelzimmer verbarrikadieren und sich nichts sehnlicher als eine sichere Heimkehr in die gewohnten weichgespülten Gefilde wünschen würden. Dabei hat er in diesen jungen Jahren schon mehr Gegenden dieser Welt gesehen, als ich in meinem ganzen Leben zusammensammeln werde.

Im Gegensatz zu mir zieht es ihn geradezu magisch in diese Problemzonen, wohl weil er die Wahre Geschichte erzählen will, unverfälscht, authentisch und nicht durch die Presse gefiltert und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, um sie für den Durchschnittsverbraucher konsumierbar und erträglich zu gestalten. Mit den eigenen Augen sehen, was Sache ist, sich vor Ort seine eigene Meinung bilden, persönlich mit Betroffenen sprechen und diese Schicksale uns Außenstehenden begreiflich machen, das ist wohl sein Antrieb – zumindest verströmen alle Arbeiten, die ich bis jetzt von Andy Spyra gesehen habe, diesen Geist. Während sich in heutiger Zeit nahezu jeder gern selbst mit dem Attribut „Streetfotograf“ versieht und die heimischen Fußgängerzonen unsicher macht, verlässt Andy Spyra die Wohlfühlzone und geht dahin, wo es anderen wehtut.

Copyright Andy Spyra - mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Copyright Andy Spyra – mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Copyright Andy Spyra - mit freundlicher Genehmigung

Copyright Andy Spyra – mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Was es heißt, in solch heiklen Krisenherden wie Afghanistan, Bosnien, Nigeria, Palästina, Irak und anderen zu fotografieren, habe ich ansatzweise bei meinen Auslandsreisen nach Algerien selbst am eigenen Leib erfahren dürfen. Während es für uns Mitteleuropäer zum normalen Alltag gehört, überall und alles unbeschwert zu fotografieren, wird man dort zumindest argwöhnisch beäugt – im günstigsten Falle! Wenn´s dagegen doof läuft, gerät man schon durch das bloße Mitführen einer halbwegs professionell aussehenden Kamera unter Spionage-Verdacht. Das kann der gedankenlose Schnappschuss aus einem fahrenden Auto sein oder die zufällig ins Bild geratene Militär- oder Polizeieinrichtung. Beim Ablichten einer Menschenansammlung ist die Chance groß, mindestens ein oder zwei Geheimdienstbeamte zu erwischen. Na, dann aber Glückwunsch! Wie gesagt: wenn´s einigermaßen glimpflich ablief, hatte man allenthalben einen mittelgroßen Menschenauflauf produziert, der sich sehr intensiv diskutierend dafür interessierte, was der Deutsche denn da so macht. Mangels vorhandener Arabisch-Kenntnisse half dann nur ein möglichst unaufgeregtes Herauslächeln aus der Situation. Idealerweise fand man dann noch gaaanz zufällig ein paar unverfängliche Fotos von Frau und Kind und Haus und Auto auf der Speicherkarte, mit denen man seine offensichtliche Harmlosigkeit offiziell belegen konnte. Meistens konnte man so dann doch am Ende die Affäre glücklich deeskalieren. Nervig war das Ganze aber auf Dauer trotzdem und führte im Endeffekt dazu, dass die Kamera ein Taschendasein fristete, ich nur noch in absolut sicheren Situationen zur Kamera gegriffen habe und die meisten der mitgebrachten Fotos somit im Ergebnis nicht über den Level banaler Erinnerungsfotos hinauskommen.

Was blieb, war in der Regel das schale Gefühl, viele Bildgelegenheiten einfach verpasst zu haben, während man an einem für Fotografen hochinteressanten Ort gewesen ist.

Algier, 2007 – eigenes Portfolio

Algier, 2007 – eigenes Portfolio

Algier, 2007 – eigenes Portfolio

Algier, 2007 – eigenes Portfolio

El Djelfa, 2009 – eigenes Portfolio

El Djelfa, 2009 – eigenes Portfolio

Kurzum: ich kann mir also ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, unter schwierigen äußeren Umständen zu fotografieren, doch im Gegensatz zu mir liefert Andy Spyra dabei knallhart ab und seine Arbeiten nötigen mir schon aus diesem Grunde den allergrößten Respekt ab.

Einen Monat lang, vom 25. September bis zum 25. Oktober, zeigt nun das Osthaus-Museum in Hagen einen (viel zu kleinen) Ausschnitt seiner Arbeiten. Ausgestellt sind 12 Schwarzweiß-Fotografien, die in Ostanatolien entstanden sind und mit denen Andy Spyra sich thematisch mit den heute noch spürbaren Auswirkungen des Genozids an den Armeniern vor genau 100 Jahren auseinandersetzt. Dabei sind die vorgestellten Arbeiten allesamt von erlesener Qualität, nie voyeuristisch oder reißerisch, sondern subtil, authentisch und auch, wenn das ein oder andere Bild eines erklärenden Satzes bedarf, klar und immer hart am Thema. Dabei gehen sie weit über den reinen Reportagecharakter hinaus und hinterlassen bei mir schon fast einen ikonografischen Eindruck.

Die sich angenehm zurücknehmende Form der Präsentation in schlichten dunklen Rahmen und auch die Räumlichkeiten im Keller des Hagener Osthaus-Museums haben mir persönlich sehr gut gefallen. Angenehm war auch das persönliche Zusammentreffen mit dem Künstler. Leider sind für meinen Geschmack viel zu wenige Exponate ausgestellt. Die ausgestellten Aufnahmen wirkten auf mich deswegen eher wie ein Appetizer, der definitiv Lust auf mehr macht. Ob also eine weite Anreise lohnenswert ist, wage ich unter diesem Gesichtspunkt nicht pauschal zu empfehlen, andererseits ermöglicht der übersichtliche Umfang der Ausstellung aber auch, sich umso intensiver mit den einzelnen Werken und der Intention der Serie auseinanderzusetzen und auch mal zu schon gesehenen Aufnahmen zurückzuspringen, um den Kontext der Serie besser verstehen zu können.

Man sollte sich also auf jeden Fall im Vorfeld kundig machen, was einen da erwartet und zur Not kann man die Unternehmung vielleicht auch durch einen Besuch der Osthaus-Ausstellung und/oder dem Schumacher-Museum ergänzen.

Wer sich vorab mal etwas genauer informieren möchte, dem empfehle ich für den Einstieg die offizielle Website von Andy Spyra.

Was nehme ich mit? Einerseits ist es Anerkennung für die beeindruckende handwerkliche Qualität der Arbeiten, aber vor allem bin ich dankbar für die Denkanstöße, die mir Spyra mit seiner Serie „Armenische Bilder aus der Türkei“ gegeben hat. Mit welcher Intensität Katastrophen und Traumata wie der praktizierte Völkermord an den Armeniern vor genau hundert Jahren auch heute noch nachhallen können, wurde mir bislang selten derart deutlich vor Augen geführt. Ein wenig verwundert hat mich, dass die Begriffe „Genozid“ beziehungsweise „Völkermord“ in diesem Zusammenhang nicht klar artikuliert wurden. Sehr positiv überrascht, hat mich jedoch schon allein die Tatsache, dass die Ausstellung in dieser Form überhaupt zustande gekommen ist, hat doch das Hagener Osthaus-Museum in Dr. Taifun Belgin einen türkischstämmigen Direktor. Das zeigt mir, dass man in der Hagener Kulturlandschaft durchaus bereit ist, sich auch an hochproblematische Themen heranzuwagen. Weiter so!

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